"Uns bricht der ärztliche Nachwuchs weg!"

Pressemitteilung

Landesärztekammer befürchtet dramatische Folgen für die Patientenversorgung - trotz steigender Mitgliederzahlen und eines hohen Anteils junger Ärztinnen

Hessens Ärzte werden immer älter, gleichzeitig zeichnet sich ein erheblicher Nachwuchsmangel ab. Während im Jahr 2000 rund ein Drittel der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte unter 40 Jahre alt waren, hat sich ihr Anteil im Jahr 2009 auf ein Viertel reduziert: "Uns bricht der ärztliche Nachwuchs weg.

Dass diese Entwicklung dramatische Folgen für die ärztliche Versorgung der Bevölkerung haben wird, liegt auf der Hand", urteilt der Präsident der Landesärztekammer Hessen, Dr. med. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach. "Auch ist zu befürchten, dass sich der Ärztemangel vor allem in strukturschwachen, ländlichen Regionen bemerkbar machen wird, die schon heute darunter leiden, dass viele Arztsitze nicht besetzt werden können."

Die statistischen Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: von den 30.782 Mitgliedern, die am 12.08.2009 bei der Landesärztekammer Hessen gemeldet waren (gegenüber 27.430 am 31.12.2000), waren

Altersgruppen 12.08.2009 31.12.2008 31.12.2000 
34 Jahre und jünger 4.181 4.129 4.354 
35 Jahre bis 39 Jahre 3.090  3.129 4.324 
40 Jahre bis 49 Jahre 8.582  8.646 7.785 
50 Jahre bis 59 Jahre7.573 7.4645.621
60 Jahre bis 65 Jahre2.919 2.8622.111
66 Jahre und älter4.437 4.3083.235

Zwar sind die Mitgliederzahlen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen - doch Hessen gehen dennoch die Ärzte aus. Wie die Gegenüberstellung der Daten aus den Jahren 2000 und 2009 zeigt, haben sich die Altersstrukturen zuungunsten der jüngerenÄrztinnen und Ärzte verschoben. Heute bilden die geburtenstarken Jahrgänge des 20. Jahrhunderts (1955-1965) das Gros der hessischen Ärzteschaft. Da sie sich unaufhaltsam in Richtung "Rente" bewegen, kommen die künftigen Versorgungsprobleme immer näher auf die hessische Bevölkerung zu. Die Jüngeren rücken nicht im erforderlichen Maß nach - ein bundesweites Problem.

Auch bei einer anderen Entwicklung liegt Hessen im Bundestrend: die Medizin wird weiblich. In der jüngeren Generation stellen Ärztinnen bereits über die Hälfte der Kammermitglieder: 50,2 Prozent (in Zahlen: 1.550) der 35- bis 39-Jährigen sind Frauen. Bei den unter 34-Jährigen haben Ärztinnen mit einem Anteil von 58,6 Prozent (in Zahlen: 2.451) ihre männlichen Kollegen bereits klar überholt. Eine erfreuliche Tendenz, die zeige, dass der Arztberuf keine Männerdomäne mehr sei, sagt von Knoblauch. Der Ärztemangel lasse sich dadurch allerdings nicht kompensieren, da der hohe Frauenanteil nachhaltige Veränderungen für den Arbeitsmarkt im Gesundheitswesen mit sich bringe: "Dass Ärztinnen zunehmend Teilzeit arbeiten, ist eine familienpolitische Errungenschaft. Ebenso begrüßenswert ist das neu gefasste Arbeitszeitgesetz, das einen vernünftigen Zeitrahmen für die Arbeit von Ärztinnen und Ärzten z.B. in Krankenhäusern oder anderen Einrichtungen vorsieht. Es bedeutet aber auch, dass künftig weniger ärztliche Arbeitszeit zur Verfügung stehen wird."

Eine Kehrtwende zurück zu alten Arbeitszeitmodellen dürfe es jedoch nicht geben, so der Ärztekammerpräsident weiter. Im Gegenteil: Noch immer müssten Ärztinnen und Ärzte in Krankenhäusern, aber auch in niedergelassenen Praxen bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit arbeiten und dabei mit einer überbordenden Bürokratie kämpfen. Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen und Frustration angesichts der zunehmenden Marktorientierung des Gesundheitswesens in Deutschland führten dazu, dass vor allem junge Mediziner in andere Berufe oder ins Ausland wechselten. "Es ist fünf vor zwölf", warnt von Knoblauch. Um dem Ärztemangel effektiv entgegen zu wirken, müssten die Rahmenbedingungen des Arztberufes verbessert werden, damit dieser auch mit der familiären Lebensplanung von Ärztinnen und Ärzten vereinbar sei. "Vor allem aber ist die Politik aufgerufen, die Patientenversorgung - und nicht die Ökonomisierung - wieder in den Mittelpunkt der ärztlichen Tätigkeit zu stellen. Nur so können wir den ärztlichen Nachwuchs für eine berufliche Tätigkeit in Hessen und bundesweit begeistern."

Grafik: Andreas Lochner

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