Erweiterung der Überbetrieblichen Ausbildung (ÜA) Medizinischer Fachangestellter

 

Seit die Landesärztekammer Hessen 1974 die Gründung einer Schule zur Organisation der Überbetrieblichen Ausbildung (ÜA) von damals Arzthelferinnen, später dann Medizinischen Fachangestellten beschloss, haben über 130.000 junge Frauen und Männer die Ausbildung erfolgreich absolviert.

Der Gründungsgedanke ergab sich aus der Schwierigkeit vorwiegend fachärztlicher Praxen, die praktischen Inhalte einer bundesweit einheitlichen, zunehmend anspruchsvollen Ausbildung vollständig zu vermitteln. Gäbe es die Carl-Oelemann-Schule (COS) nicht, müssten viele Praxen Ausbildungsverbünde gründen, um ihren Auszubildenden Lern- und Trainingsmöglichkeiten zu verschaffen und damit die durch die Ausbildungsordnung vorgegebenen Inhalte zu vermitteln. Die Berufsschulen sind im Rahmen der dualen Ausbildung für einen Teil der systematischen Theorievermittlung zuständig und haben damit einen anderen Bildungsauftrag.

 

Die Etablierung von Stätten der Überbetrieblichen Ausbildung war und ist in der Industrie sowie in verschiedenen Dienstleistungsbereichen bereits lang geübte Praxis. Deutschland gilt hier europaweit als Vorbild und exportiert dieses Ausbildungsmodell auch in viele europäische und außereuropäische Länder. Deutschlandweit hatte wiederum die Landesärztekammer Hessen (LÄKH) mit der COS zunächst ein Alleinstellungsmerkmal, bis 1986 die Ärztekammer Schleswig-Holstein eine ähnliche Einrichtung gründete. Die Angebote zur Aus- und Fortbildung werden gerne und regelmäßig von Kammern der angrenzenden Bundesländer genutzt.

 „Hands on!“

So lautet das Motto des bisher einwöchigen Lehrgangs pro Ausbildungsjahr in Bad Nauheim. Wie wird eine Infusion korrekt vorbereitet? Welche Injektionstechniken gibt es, wie führt man sie praktisch durch? Wie lagere ich schwere erwachsene Patienten sicher und unter Schonung meiner eigenen Rückengesundheit, um sie auf eine Untersuchung vorzubereiten? Wo genau werden die EKG-Elektroden angelegt? Diese und zahlreiche andere Themen des Praxisalltags werden, zumeist nach einer kurzen theoretischen Einführung, praktisch geübt. Aber auch die anlassgerechte Kommunikation mit Patienten und das teamförderliche Verhalten im Arbeitsalltag werden behandelt und in Rollenspielen oder an Beispielen diskutiert und erlebt. So gelingt es, den gewählten Beruf mit zunehmendem professionellen Selbstverständnis auszufüllen.

 Die vermittelten Inhalte sind durch den Ausbildungsrahmenplan vorgegeben, wobei der Ausschuss Überbetriebliche Ausbildung über die konkreten Lerninhalte der Lehrgänge entscheidet. Sie werden regelmäßig überprüft und an die jeweils geltenden Standards angepasst. Das zusätzliche Angebot gesonderter Prüfungsvorbereitungskurse kann im Einzelfall vertiefend und wiederholend unterstützen.

Die Resonanz der Auszubildenden ist sowohl bei systematischen Befragungen als auch in Einzelgesprächen durchweg positiv (siehe Tabelle). Die jungen Frauen und Männer schätzen die Möglichkeit, gemeinsam im geschützten Rahmen praktische Tätigkeiten auszuprobieren, Fehler machen zu dürfen und ihre Fragen sowohl untereinander als auch mit den Lehrpersonen zu besprechen. Die Auszubildenden aus fachärztlichen Praxen sind auf die Lerninhalte im besonderen Maße angewiesen, aber auch die Auszubildenden, denen Techniken wie Blutdruckmessung, Lungenfunktionsmessung, Untersuchungen des kleinen Labors aus der Ausbildungspraxis vertraut sind, profitieren von deren systematischer Vermittlung und Wiederholung. 

Praktische Fähigkeiten auch im digitalen Bereich erforderlich

Die Pandemiebedingungen stellten auch für die COS eine außerordentliche Herausforderung dar. Da die Ausbildungswochen üblicherweise vor allem für fern von Bad Nauheim Lebende im Internatsbetrieb stattfinden und aufgrund der Abstandsregeln die bisher geltenden Gruppengrößen reduziert werden mussten, wurde kurzzeitig ein Aussetzen der gesamten Veranstaltung erwogen – und wieder verworfen.

Gleichzeitig wurde gerade in der Pandemie deutlich, wie wichtig gut ausgebildete Medizinische Fachangestellte an der Seite der Ärztinnen und Ärzte sind. Die Organisation des Betriebsablaufes unter AHA-Regeln, die zum Teil mühsame Bestellung von Hygieneschutzmaterialien, die hohe telefonische Inanspruchnahme mit oft ausführlichem Beratungsbedarf, neue Formate der Beratung in Form von Telefonsprechstunden, später dann die Planung der Impfungen stellten die Praxisbetriebe vor bis dahin nicht gekannte Herausforderungen. Hier waren organisatorisches Geschick und viel Geduld trotz eines sich mitunter unschön verschärfenden Umgangstons gefragt. Die nahezu täglich aktualisierten Informationen seitens des Robert Koch-Instituts (RKI), der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und anderer relevanter Institutionen erforderten zusätzlich einen sicheren Umgang mit dem Internet und erweiterte Grundkompetenzen im Bereich Recherche.

Da aufgrund der begrenzten Raum- und Personalkapazitäten die Inhalte der Überbetrieblichen Ausbildung für die „Pandemie-Jahrgänge“ ohnehin neu geordnet werden mussten, entstand die Überlegung, die Überbetriebliche Ausbildung mit einem umfassenden E-Learning-Lehrgang zu modernisieren:

 Zeitlich in der Mitte von zwei Präsenzwochen gelegen, soll er deren Inhalte vertiefen, zum Teil wiederholen bzw. in die letzte Einheit einführen (siehe Infokasten). Gleichzeitig wird der Umgang mit digitalen Fortbildungsformaten und Recherchemöglichkeiten vermittelt und trainiert. Der zeitliche Gesamtumfang der Überbetrieblichen Ausbildung ändert sich durch die geplante Neuerung nicht, allerdings kann der Lehrgang B nun flexibel und an die Bedürfnisse der Ausbildungspraxis und der Auszubildenden angepasst organisiert werden.

Leitgedanke dieser Überlegungen ist in erster Linie die deutlich gewachsene Anforderung an die „digitale Kompetenz“ aller im medizinischen Bereich Tätigen. Digitale bzw. hybride Fortbildungsformate fanden schon vor der Pandemie zunehmend Verbreitung; unter den Bedingungen des Lockdowns erlebten sie einen quantitativen und qualitativen Sprung und sind aus dem modernen Berufsalltag nun nicht mehr wegzudenken. Lebenslanges Lernen setzt einen sicheren Umgang mit den entsprechenden Werkzeugen voraus, für die heute junge Generation eine unerlässliche Voraussetzung nahezu jeglicher Berufstätigkeit.

Bezogen auf die Überbetriebliche Ausbildung ergibt sich ein weiterer, wertvoller Vorteil: Die von den Auszubildenden mitgebrachten Vorkenntnisse und Lerngeschwindigkeiten sind heterogen, die schulischen Abschlüsse reichen von der Hauptschule bis zum Abitur. Neben ihrer Ausbildung sind zudem häufig gerade die jungen Frauen durch Zusatzaufgaben im Familienarbeits- und Pflegebereich eingebunden.

Für sie bietet E-Learning die Möglichkeit, die Lerninhalte im je eigenen Tempo und mit den ggf. notwendigen Wiederholungen individuell zu bearbeiten bzw. zu erweitern. So werden gleichzeitig die Selbstverantwortung für die Ausbildung und die Selbstorganisation des eigenen Lernens geschult und gefördert. Die enge thematische Einbindung des E-Learning-Blocks in die beiden Präsenzlehrgänge, bei der aufeinander aufbauend Themen eingeführt, wiederholt und miteinander verknüpft werden, macht die besondere Nachhaltigkeit dieser Kombination an Lernmethoden aus.

Tabelle: Evaluation – Beurteilung der gesamten Lehrgangswoche durch die Teilnehmenden

Exemplarisches Ergebnis der Evaluation ÜA im Jahrgang Fachstufe 2/2020. Bewertung nach Schulnotensystem

Eine tutorielle Betreuung erlaubt Rück- und Nachfragen und gewährleistet auch eine Kontrolle über den Lernfortschritt der einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Dabei sind die Lerneinheiten ansprechend und zur Mitarbeit einladend gestaltet – Lernvideos in unterschiedlichen Formaten, Bilder mit Tonunterlagen und Texte mit schriftlich zu lösenden Aufgaben wechseln sich ab. Ein wichtiges E-Learning-Tool sind so genannte Legetrickfilme, in denen komplexe Zusammenhänge durch anschauliche Trickanimation verständlich dargestellt werden.

Die Verlinkung mit den Websites zahlreicher wichtiger medizinischer Institutionen bietet Möglichkeiten zur Vertiefung und gewährleistet die Aktualität der Informationen, die mit Handouts und Büchern in vielen Bereichen nicht mehr zu erreichen wäre. Jede Lerneinheit schließt mit einer Selbstkontrolle, deren abschließende Bearbeitung den Zugang zur nächsten Einheit ermöglicht. Auch hier ist das „hands on“, die Praxisnähe also, das Leitmotiv für das gesamte Programm.

Die geplante Neuordnung fand nach ausführlicher Beratung die Zustimmung der zuständigen Gremien, sodass die Überarbeitung und Neugestaltung des Curriculums nun bereits seit gut sechs Monaten im vollen Gange sind. Der erste Jahrgang nach dem neuen Lehrplan wird im Januar 2022 an den Start gehen.

Wie kann Ausbildung gelingen?

Die Landesärztekammer Hessen und in ihrem Auftrag die COS bietet ihren Mitgliedern umfangreiche Unterstützung bei der Ausbildung in diesem so wichtigen medizinischen Fachberuf. Ausführliche Informationen hierzu sind auf der Website der LÄKH zu finden, dort sind auch die Kontaktdaten für Einzelberatungen und -fragen hinterlegt.

Für die Erstkraft oder die Ausbildungsbeauftragte der Praxis kann auch einzeln ein Modul zur Ausbildungsbefähigung gebucht werden, das Bestandteil der Aufstiegsfortbildung zur/zum Fachwirt/in für ambulante medizinische Versorgung ist.

Für die technischen Voraussetzungen – in diesem Falle der Zugang zu einem geeigneten, internetfähigen Endgerät mit ausreichender Datenverarbeitungsgeschwindigkeit und -volumen – ist die ausbildende Praxis zuständig, ebenso wie für die Freistellung der Auszubildenden im für den E-Learning-Part erforderlichen Umfang. Hier wird darauf zu achten sein, die Freistellung tagsüber vorzunehmen, um den Auszubildenden ein konzentriertes, nachhaltiges Lernen und Arbeiten zu ermöglichen.

Insgesamt ist dieses neue Lernkonzept sehr vielversprechend und alle Beteiligten sehen seiner Einführung mit Spannung entgegen.

Barbara Mühlfeld, Fachärztin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Mitglied im Berufsbildungsausschuss an der Landesärztekammer Hessen, seit 24 Jahren ausbildende Ärztin

E-Mail: muehlfeld.b@t-online.de

Überblick über die Lernbereiche in den Lehrgängen A bis C

Lehrgang A:

  • Hygiene (4 Stunden)
  • Aufbereitung von Medizinprodukten (4 Stunden)
  • Infusion und Injektion (3 Stunden)
  • Instrumentenkunde und (kleine) chirurgische Eingriffe (4 Stunden)
  • Interaktion mit Patienten (6 Stunden)
  • Mitwirkung bei diagnostischen Maßnahmen: Herz-Kreislauf (5 Stunden)
  • Not- und Zwischenfälle (4 Stunden)
  • Präanalytik und POCT (6 Stunden)
  • Wundversorgung (6 Stunden)
  • Einführung in Ilias (2 Stunden)

Lehrgang B:

  • Arzneimittel (4 Stunden)
  • Aufbereitung von Medizinprodukten (4 Stunden)
  • Ausgewählte Labordiagnostik (4 Stunden)
  • Einführung in die verschiedenen Abrechnungssysteme (8 Stunden)
  • Exemplarische Untersuchungsfälle (7 Stunden)
  • Instrumentenkunde (1 Stunde)
  • Notfälle (4 Stunden)
  • Schutz von patientenbezogenen Daten (4 Stunden)
  • Situationsgerechte Anleitungskompetenz (3 Stunden)
  • Wundversorgung (2 Stunden)

Lehrgang C:

  • Abrechnung: EBM kompakt (4 Stunden)
  • Aufbereitung von Medizinprodukten (4 Stunden)
  • Diagnostische Maßnahmen und Patientenunterstützung (5 Stunden)
  • Diagnostische Maßnahmen: Lunge (4 Stunden)
  • Labor: Abstriche (2 Stunden)
  • Notfalltraining anhand von Fallbeispielen (6 Stunden)
  • Venenpunktion unter ärztlicher Aufsicht (3 Stunden)
  • Vorbereitung von Behandlungsfällen (6 Stunden)
  • Wahrnehmung und ATL (5 Stunden)
  • Wund- und Stützverbände (5 Stunden)

Zeitumfang Lerneinheit: 1 Stunde = 45 Minuten

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