Rationale Antibiotikatherapie durch Information und Kommunikation

Die derzeitige Corona-Pandemie zeigt einerseits die Bedeutung und Wirksamkeit von Hygienemaßnahmen für die Infektionsprävention, andererseits aber auch die Problematik fehlender Medikamente zur spezifischen Behandlung. Auch bei multiresistenten Erregern (MRE) sind Hygienemaßnahmen gut wirksam. Allerdings konnten wir hier lange Zeit auch auf die Wunderwaffen „Antibiotika“ vertrauen und erleben erst seit kurzem deren Wirkungsverlust, beispielsweise bei bestimmten panresistenten Erregern. Nur durch sachgerechten, zurückhaltenden Antibiotika-Einsatz kann diese Entwicklung gestoppt werden.

Die Auswertung der Antibiotika-Verordnungsdaten der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Hessen über die vergangenen Jahre (dazu folgt ein Beitrag in Ausgabe 11/2020) hat gezeigt, dass deutlich weniger Antibiotika verordnet werden. Diesen positive Weg soll das RAI-Projekt Hessen unterstützen.

RAI-Projekt Hessen startet im Herbst

Für das RAI-Projekt Hessen haben sich die Landesärztekammer Hessen, die Kassenärztliche Vereinigung Hessen und das MRE-Netz Rhein-Main zusammengeschlossen und gemeinsam mit der Charité, Berlin, das frühere RAI-Projekt der Charité aktualisiert und weiterentwickelt (Internet: www.rai-projekt.de).

In dem Projekt wird nicht nur fachliches Wissen zur Resistenzentwicklung und zum sachgerechten Antibiotika-Einsatz vermittelt. Angesichts der häufigen Forderungen der Patienten nach Antibiotikatherapien und eventueller Sprachbarrieren reicht Fachwissen alleine nicht aus, sondern es bedarf guter Kommunikationsstrategien und -wege, dieses Wissen den Patienten einfach zu vermitteln und diese zu überzeugen, dass beispielsweise bei einem banalen Infekt nicht automatisch Antibiotika gegeben werden müssen.

Deswegen liegt ein Schwerpunkt des Projekts auf eben diesen Kommunikationsstrategien und der Entwicklung von Informationsplakaten für die Praxis sowie Informationsmaterialien für Patienten, die auf verschiedenen Sprachen zur Verfügung stehen (unter anderem Russisch und Arabisch).

Mit dem „Infozeptgenerator“ (Internet: www.infozeptgenerator.de)können darüber hinaus sogenannte Infozepte mit Informationen zu geeigneten Hausmitteln für nicht antibiotikapflichtige Infektionen patientenbezogen erstellt und den Patienten – ebenfalls in verschiedenen Sprachen – mitgegeben werden. Diese ergänzen die bekannten Flyer des MRE-Netzes Rhein-Main zur verantwortungsvollen Antibiotikatherapie bei Atemwegs- und Harnwegsinfektionen sowie bei Ohrenschmerzen.

Die aktualisierte zertifizierte Online-Fortbildung zu Multiresistenten Erregern, Antibiotika und Verordnungsstrategien des RAI-Projekts Hessen wird voraussichtlich Mitte Oktober online gestellt.

Wie kann RAI in der Praxis helfen?

Im Herbst 2020 bietet die Akademie für Ärztliche Fort- und Weiterbildung zwei Fortbildungen an, die Einsatz und Nutzen des RAI-Ansatzes für die Praxis vorstellen und die Möglichkeit für Diskussion und Fragen eröffnen. In beiden Fortbildungen werden zunächst die aktuellen regionalen (!) Resistenzdaten aus Praxen in Hessen und die Indikationen für Antibiotikatherapien sowie Möglichkeiten und Wege, Antibiotika noch zurückhaltender einzusetzen, vorgestellt. Anschließend referieren ausgewiesene Experten, die auch in die Leitlinienentwicklung maßgeblich involviert sind, über sachgerechte Antibiotikatherapie bei Infektionen aus ihrem Fachgebiet.

  • Am 31. Oktober 2020 werden Prof. Dr. med. Werner Mendling (Wuppertal) und Dr. med. Ralf Moebus (Bad Homburg) über Antibiotika in der gynäkologischen und pädiatrischen Praxis sprechen.
  • Am 28. November 2020 legen Prof. Dr. med. Florian Wagenlehner (Gießen) und Dr. med. Uwe Wolfgang Popert (Kassel) den Schwerpunkt auf urologische Infektionen und Infektionen bei Patienten in der hausärztlichen Praxis.

 

Niedergelassene Kassenärzte können die verschiedenen Printmaterialien (Plakate, Flyer, Infozepte) – wie bei den früheren Projekten „Weniger ist mehr“, „wenn, dann richtig“ und „wenn möglich, ohne“ – wieder bei der KV Hessen bestellen. Auch das MRE-Netz Rhein-Main wird in seinem Bereich Materialien kostenlos abgeben.

 

Prof. Dr. med. Ursel Heudorf, MRE-Netz Rhein-Main, c/o Gesundheitsamt Frankfurt/Main, E-Mail: mre-rhein-main@stadt-frankfurt.de

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