Auftakt ist ein sinnliches Erlebnis, in dem die Grenzen zwischen Realität und Simulation zu verschwimmen scheinen: Auf einem Klangteppich aus Meeresrauschen und kreischenden Möwen fliegt der Besucher die normannische Steilküste rund um den einstigen Fischerort Étretat entlang, vorbei an den drei spektakulären Felsentoren Porte d’Amont, Porte d’Aval und Manneporte. Möglich wird die visuelle und akustische Reise durch eine Videoinstallation – einen dreidimensionalen Scan im Entrée der Ausstellung „Monets Küste – Die Entdeckung von Étretat“ im Frankfurter Städel Museum.
Die Felsen von Étretat zogen im 19. Jahrhundert viele Künstler in ihren Bann. Ab den 1850er-Jahren verwandelte sich Étretat vom Fischerdorf in eine exklusive Sommerfrische und Künstlerkolonie. Fasziniert von Wasser, Wind und der rauen, pittoresken Landschaft ließen sich Maler wie Eugène Delacroix, Gustave Courbet und Henri Matisse, aber auch Schriftsteller wie Alphonse Karr und Guy de Maupassant künstlerisch inspirieren.
Bis zum 5. Juli 2026 zeigt das Städel in der beeindruckenden Ausstellung, wie jener Küstenstreifen in der Normandie, den Maupassant einst literarisch zu einem Sehnsuchtsort erhob, die Malerei der Moderne beeinflusste. Im Laufe der Jahre trugen Maler und Schriftsteller zum „Mythos Étretat“ bei. Es sind jedoch die ikonisch gewordenen Bilder der Kreideklippen von Claude Monet (1840–1926), die bis heute die Vorstellung von Étretat prägen und die Entwicklung neuer Bildsprachen spiegeln. Und so liegt das besondere Augenmerk der Schau auf dem Begründer des Impressionismus.
Wechselnde Lichtstimmungen
Unter den rund 170 Gemälden, Zeichnungen, Fotografien und historischen Dokumenten aus französischen, deutschen und weiteren internationalen Museen sowie aus Privatsammlungen befinden sich allein 24 Werke von Claude Monet. Während seiner Aufenthalte vor Ort zwischen 1864 und 1886 entstanden Zeichnungen, Pastelle und über 80 Gemälde, in denen er die Klippenformationen bei unterschiedlichen Lichtstimmungen in Motivreihen einfing.
Darunter eine Arbeit aus dem Jahr 1864: Wie die dunklen Umrisse einer Burgruine ragt hier ein Felsentor vor dem Hintergrund des von rosafarbenen Wolkenstreifen durchbrochenen, düsteren Abendhimmels in die Höhe. Schon in dieser frühen Darstellung („Étretat. Das Felsentor von Amont“; ehemals „Étretat. Tor und Felsen von Aval“) zeige sich Monets Anspruch, seine unmittelbaren Eindrücke der Natur, insbesondere der wechselnden Wetter- und Lichtstimmungen, direkt auf die Leinwand zu bannen, schreibt Kurator Alexander Eiling in dem Ausstellungskatalog.
Rund 20 Jahre später zeugt die Darstellung eines ähnlichen Motivs von der künstlerischen Weiterentwicklung des Impressionisten: Mit helleren Tönen, gebrochenen Farben und einer freien Pinselführung fängt er die jahres- und tageszeitliche Stimmung ein. Sommerliches Licht liegt auf der in rötlichen, grünen und grauen Tupfen komponierten „Steilküste von Aval“, die Monet 1885 malte. Leuchtend gelb überzieht ein Sonnenstreifen den Rücken des Felsens, der sich aus einer, in hellen Blautönen changierenden Meeroberfläche erhebt. Eines von zahlreichen seriellen Bildern der Steilküste zu unterschiedlichen Tageszeiten und bei wechselnden Wetterverhältnissen.
Variationen eines Themas
Doch: Monet war nicht der erste und nicht der letzte Künstler, der sich von Étretat betören ließ. Variation wird in der Musik eine Kompositionstechnik genannt, in der ein musikalisches Thema wiederholt, aber in seiner Struktur oder Melodieführung verändert wird. Auch die – in Zusammenarbeit mit dem Musée des Beaux-Arts de Lyon – konzipierte Ausstellung präsentiert „das Thema“ Étretat aus Perspektiven unterschiedlicher Künstler, in immer neuen Farben, Interpretationen und im zeitlichen Wandel.
In thematisch gegliederten Ausstellungsräumen, deren Wände jeweils in eine andere, den Bildern entlehnte Farbe getaucht sind, macht die Schau die facettenreiche Entwicklung und Veränderung des künstlerischen Blicks auf die charakteristische Küstenlandschaft von der Romantik bis zur klassischen Moderne erfahrbar.
Zugleich spannt die Ausstellung einen Bogen von der Entdeckung Étretats über den Bädertourismus und die zunehmende Popularisierung des Orts bis heute. So dokumentiert die virtuelle Projektion zum Auftakt den Ist-Zustand der Klippen, deren Existenz von Klimawandel und längst überbordendem Tourismus gefährdet ist. Auf diese Weise vermengten sich soziologische, kulturhistorische und kunsthistorische Aspekte in der Ausstellung auf besondere Weise, fasste Städeldirektor Philipp Demandt auf der Pressekonferenz zusammen.
„Voyages pittoresques“
Schon um 1786 entstand die erste bekannte Darstellung Étretats – ein Aquarell des Malers Alexandre Jean Noёl – vermutlich als Auftragsarbeit, die verkaufsfördernd für Austern werben sollte. Wenige Jahre später setzte die Französische Revolution den unternehmerischen Ambitionen ein Ende und Étretat geriet in Vergessenheit, bis 1820 eine neue Malergeneration an den entlegenen Ort kamen.
Motiviert von dem Projekt „Voyages pittoresques“, dessen Initiatoren Künstler damit beauftragten, ihnen Zeichnungen von Naturlandschaften als Vorlagen für Lithographien zu liefern, reiste Horace Vernet in die Normandie, unter anderem nach Étretat. Um 1819/20 entstand hier sein Ölgemälde „Der Sturm“.
Skizzen vor Ort
Auch der Maler Eugène Isabey besuchte die Atlantikküste im Kontext der „Voyages pittoresques“. Regelmäßig kam er nach Étretat, wo er bei einem Kapitän logierte und vor Ort Studien anfertigte, vor allem Aquarelle, etwa den „Blick auf Ètretat“ (um 1840–1845) in nuancierten Rot- und Gelbtönen. Wie Kuratorin Eva Mongi-Vollmer auf der Pressekonferenz hervorhob, nutzte er die Studien, um auf ihrer Grundlage in seinem Atelier große Ölgemälde zu malen, die erfolgreich auf dem Salon in Paris ausgestellt wurden. Dies galt ebenso für Eugène Le Poittevin, der in seinem detailverliebten Panorama „Seebad in Étretat“ den frühen Badetourismus zeigte.
Deutsche Künstler in Étretat
Zu den besonderen, vor 1850 entstandenen Werken gehören die Arbeiten des deutschen Landschaftsmalers Johann Wilhelm Schirmer, der die imposanten Felsformationen Étretats in Skizzenbüchern einfing, um sie zu Hause seinen Schülern zu zeigen. Wie Schnipsel fanden die grandiosen, mit wissenschaftlichem Blick zu Papier gebrachten Skizzen Eingang in größere Werke.
Begeistert von Étretat war auch Anselm Feuerbach, der sich vermutlich nie in Étretat aufhielt. Dass sein Gemälde 1860 „Das Felsentor Manneport bei Étretat“ dennoch so naturgetreu wirkt, als habe er mit seiner Leinwand vor der Felsformation gesessen, lässt Kunsthistoriker vermuten, dass sich Feuerbach von einer Schwarz-Weiß-Fotografie inspirieren ließ.
Motiv für Fotografen
Schon wenige Jahre nach der Erfindung der Fotografie wurde Étretat zu einem Motiv für Pioniere der Fotografie. Eine der ersten Fotoserien von Étretat entstand 1852 und geht wohl auf den Chemiker Alphonse Davanne zurück. Zehn Jahre später hielt er die eindrucksvolle Landschaft, den wachsenden Ort und den dicht mit Booten belegten Strand fest. Paul Gaillard experimentierte parallel mit verkürzten Belichtungszeiten, um die Bewegungen von Wellen und Badegästen festzuhalten.
Bis heute berufen sich Fotografen auf Gemälde von Étretat: Während sich Elger Esser (geb. 1967) in seinen nostalgischen Fotografien unter anderem auf den Maler Johann Wilhelm Schirmer bezieht, näherte sich Balthasar Burkhard (1944–2010) mit seinen Momentaufnahmen von Wellen den Bildern Courbets an.
Courbet – Maler der Wellen
Gustave Courbet (1819–1877), dem Schöpfer der Meerlandschaften, und seinen berühmten Wellenbildern ist in der Ausstellung ein eigener Raum vorbehalten. Während seines mehrwöchigen Aufenthalts in „Étretat“ im Spätsommer 1869 entfaltete der Maler eine ungeheure Produktivität, die durch die Lage seine Ateliers direkt am Strand und einen spektakulären Wirbelsturm, einen „äquinoktialen Orkan“, begünstigt wurde. In einer Reihe von rund zwanzig Gemälden konzentrierte sich Courbet ausschließlich auf die Darstellung der Klippen und der sturmgepeitschten Wellen.
Courbet verfremdete die Bilder durch Perspektivwechsel und schuf damit bewusst eine künstlerische Realität. Auch seine krustige Malweise – er trug die Farbe mit einem Palettenmesser auf die Leinwand auf – brach mit den damaligen Regeln der Malerei. Die Wellen wirken wie erstarrt, so dass Kritiker von einem „versteinerten“ Ozean sprechen. Wie von dem Spuk des Unwetters befreit, präsentiert sich die nach dem Sturm gemalte „Felsenküste bei Étretat“ (1869/70) in hellem, kristallenem Licht.
Im Pariser Salon von 1870 erzielte Courbet mit seinen Gemälden „Das stürmische Meer“ und „Die Klippe von Étretat nach dem Sturm“ (1869/1870) „einen ungeheuren Erfolg“, der auch auf das Novum zurückzuführen war, dass Courbet erstmals nur Landschaftsgemälde präsentierte.
„Ich werde versuchen, es anders zu machen“
Nachfolgende Künstler – darunter Claude Monet – maßen sich an Courbets Werken. Nach seinen ersten Aufenthalten 1864 und 1868/69, bei denen eines der Hauptwerke der Städel-Sammlung, „Das Mittagessen“ (1868/69) entstand, kehrte Monet Anfang der 1880er-Jahre nach Étretat zurück. Meist außerhalb der Badesaison nahm er Domizil im Hotel Blanquet, wo er dank der Aussicht auf die Umgebung auch an regnerischen Tagen arbeiten konnte.
Er habe vor, ein großes Gemälde der Klippen zu schaffen, obwohl es „schrecklich gewagt“ sei, dies nach Courbet zu tun, schrieb Monet an seine Lebensgefährtin. „Aber ich werde versuchen, es anders zu machen“. Blickfang der Ausstellung sind seine zahlreichen, 1883 entstandenen Darstellungen der Klippen von Étretat – ein Motiv, das gute Absatzmöglichkeiten bei Sammlern versprach. Mit seiner dynamischen Pinselführung ließ Monet die Kraft der Elemente spürbar werden, so dass man beim Betrachten die Luft des Atlantiks zu riechen meint, und gab seine Eindrücke in wechselnden Lichtstimmungen wider.
Während einige seiner Gemälde räumlich mit den Arbeiten anderer Maler in Korrespondenz treten – so etwa seine Wellenbilder mit jenen Courbets – ist der zentrale, eiförmige Ausstellungsraum („Monets Auge“) ausschließlich Monets Werken gewidmet. Neben dem „Mittagessen“ sind dort auch Landschaftsbilder aus der Umgebung Étretats zu sehen, unter ihnen das Ölgemälde „Die Elster“ (1868/69), das die Farbwirkungen des Schnees bei unterschiedlichen Lichtbedingungen einfängt.
Von Boudin bis Matisse
Da gegen Ende des 19. Jahrhunderts Étretat-Bilder zum festen Repertoire französischer Galerien zählten, brachen immer mehr Künstler zu der Küste auf. Anders als Monet, der meist menschenleere Motive malte, nahm Eugène Boudin (1824–1898) Szenen aus dem Alltag der lokalen Bevölkerung in seine Landschaftsgemälde auf. Einzige Malerin, deren Arbeiten in Frankfurt zu sehen sind, ist die Schweizerin Sophie Schaeppi. Auch sie malte und zeichnete die berühmten Felsformationen bei unterschiedlichen Wetterbedingungen.
Émile Schuffenecker (1851–1934) interpretierte die Klippenlandschaft in seiner impressionistisch formauflösenden Malerei, während Gustave Caillebotte (1848–1894) den „Mann im Arbeitskittel“ (1884) ohne Bezug auf die Klippenlandschaft malte. Zu den besonderen Anziehungspunkten der Ausstellung gehört das Ölbild „Étretat. Die Wäscherinnen“ aus dem Jahr 1920 von Henri Matisse (1869–1954). Im Sommer 1920 schuf er mehr als 40 Gemälde und zahlreiche Zeichnungen, in denen er sich in bewusster Auseinandersetzung mit den Gemälden von Courbet und Monet der Küste von Étretat aus verschiedenen Perspektiven widmete.
Katja Möhrle
Informationen: www.staedelmuseum.de/de/monets-kueste


