Es ist dunkel im ersten Raum. Stimmen sind zu hören, in verschiedenen Sprachen, ohne klare Zuordnung. Menschen sprechen darüber, was Familie für sie bedeutet. Manche erzählen von Nähe, andere von Verlust und Migration. Es gibt keine Einordnung, keine erklärenden Texte. Stattdessen: ein Raum, der zunächst nichts fordert außer Aufmerksamkeit.

Diese Eingangsinszenierung – eine Soundinstallation von Jan Ove Hennig – setzt den Ton für die Ausstellung „MISHPOCHA. The Art of Collaboration“ im Jüdischen Museum Frankfurt. In ihr gehen rund 30 Stimmen in verschiedenen Sprachen der Frage nach, was „Mishpocha“ für sie bedeutet. Sie macht früh deutlich, worum es hier nicht geht: nicht um eine Definition von Familie, nicht um eine historische Herleitung, sondern um ein Erleben, in dem Familie nicht vorausgesetzt, sondern erfahrbar wird.

Familie als etwas, das entsteht

Im Zentrum der Ausstellung steht eine Verschiebung. Familie wird nicht als gegebene Struktur verstanden, sondern als etwas, das sich bildet: durch Beziehungen, Zusammenarbeit und gemeinsame Erfahrung. Diese „Mishpocha“ ist keine feste Größe. Sie entsteht dort, wo Menschen sich verbinden – freiwillig, situativ, oft jenseits klassischer Zuschreibungen. In einer Zeit, in der Zugehörigkeit zunehmend über Herkunft, Identität oder Abgrenzung definiert wird, setzt die Ausstellung einen anderen Akzent: Gemeinschaft als Praxis.

Dass diese Perspektive mehr ist als ein theoretisches Konzept, zeigt sich bereits in der Entstehung des Projekts. Maßgeblich geprägt wurde es von dem US-amerikanischen Musiker und Produzenten Mike D (ehemals Beastie Boys), der die künstlerische Leitung übernahm. Entwickelt wurde die Ausstellung in enger Zusammenarbeit mit dem Atelier Markgraph, der IMA Clique sowie dem kuratorischen Team des Museums um Franziska Krah. Damit verhandelt die Ausstellung selbst, was sie zeigt: Gemeinschaft als kollektiver Prozess.

Kunst, Musik und Design greifen dabei ineinander. Entstanden ist eine Ausstellung mit zeitgenössischen Kunstwerken, interaktiven Musikstationen, immersiven Installationen und farbintensiven Räumen, die weniger auf Vermittlung als auf Erfahrung zielt.

Zwischen Erinnerung und Bruch

Der zweite Ausstellungsraum mit dem Titel „ROOTS“ rückt die Herkunftsfamilie in den Blick – nicht als stabile Größe, sondern als etwas, das von Brüchen, Verlusten und Verschiebungen geprägt ist. Künstlerische Arbeiten erzählen von Flucht und Migration, von Erinnerungen, die fragmentarisch bleiben, von Familiengeschichten, die sich nicht vollständig rekonstruieren lassen. Zerbrochene Teller, persönliche Gegenstände, filmische Erzählungen verweisen auf das, was fehlt und auf das, was dennoch weiterwirkt.

Zu den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern gehören unter anderem Nirit Takele und Shimon Wanda, deren Arbeiten von Migrationserfahrungen und Fragen von Zugehörigkeit geprägt sind, sowie Alica Khaet, die sich in einer aufwendig produzierten Stop-Motion-Arbeit mit Erinnerung und familiären Spuren auseinandersetzt.

Szenen, Sounds, Zugehörigkeit

Im weiteren Verlauf verschiebt sich der Fokus. Zwischen Herkunft und Erinnerung tritt eine andere Form von Gemeinschaft in den Vordergrund: die gewählte. Musik- und Subkulturen wie Hip-Hop, Techno, Punk und Riot Grrrl erscheinen hier als soziale Räume, in denen Zugehörigkeit entsteht – oft jenseits klassischer Familienstrukturen.

Im dritten Raum „MIX“ verdichtet sich dieser Gedanke zu einem intensiven Erlebnis. Eine interaktive 360-Grad-Mehrkanal-Videoinstallation verbindet Klang, Licht und Projektionen zu einer immersiven Umgebung. Unterschiedliche musikalische Strömungen und ihre kulturellen Kontexte werden hier erfahrbar gemacht. Im Zentrum des Raums steht ein Mischpult, mit dem die Besucherinnen und Besucher die visuellen und klanglichen Elemente selbst beeinflussen können. Es entsteht kein festgelegtes Bild, sondern ein offener Prozess. Die Installation versammelt unter anderem Arbeiten von Sandra Mann und Daniel Herrmann sowie Bildmaterial der Musikerin Jennifer Finch, die unterschiedliche musikalische Zusammenhänge dokumentieren und als soziale Räume erfahrbar machen. Gemeinschaft entsteht hier im Zusammenspiel von Klang, Bild und Beteiligung.

Diese Logik setzt sich im vierten Raum „PLAY“ fort. An interaktiven Musikstationen können Geräusche, Beats und Stimmen aufgenommen, kombiniert und weiterentwickelt werden. Die Grenze zwischen Ausstellung und Teilnahme löst sich dabei nahezu vollständig auf.

Diese Öffnung setzt sich über die Ausstellungsräume hinaus fort. Auf dem Vorplatz des Museums entsteht während der Laufzeit die „MISHPOCHA Open Stage“: Eine Bühne für Bands, Musikerinnen und Musikern, DJs, Spoken-Word-Poeten, Tänzerinnen und Tänzern sowie Schulbands für Musik, Tanz, Poetry und Performance. Das Museum versteht sich damit nicht als abgeschlossener Ort, sondern als sozialer Raum – als Plattform, auf der Gemeinschaft nicht nur thematisiert, sondern praktiziert wird.

Die Ausstellung ist Teil der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026, einem internationalen Programm, das Gestaltung als soziale Praxis versteht und die Rolle von Design für gesellschaftliche Prozesse in den Mittelpunkt stellt. „MISHPOCHA“ übersetzt diesen Ansatz in eine Ausstellung, die bewusst auf Erklärung verzichtet. Sie setzt auf sinnliche Erfahrung, auf Atmosphäre und auf Beteiligung.

Maren Siepmann

Zur Ausstellung: MISHPOCHA. The Art of Collaboration

Jüdisches Museum Frankfurt

17. April bis 27. September 2026

Satellitenausstellungen: Ergänzend finden zwei weitere Ausstellungen im Kunsthaus Wiesbaden („Memory in Action“: Marcelo Brodsky, 26. März bis 28. Juni 2026) sowie in den Opelvillen Rüsselsheim („Unter die Haut: Tattoos im Blick“, 30. April bis 13. September 2026) statt.

Weitere Informationen: Das begleitende Programm mit Konzerten, Workshops und Gesprächsformaten ist online sowie im Flyer zur Ausstellung einsehbar: www.juedischesmuseum.de/mishpocha