Wie andere Landesärztekammern hat auch die hessische Kammer klinischen Fachärzten die Möglichkeit eröffnet, als Quereinsteiger den Facharzt für Allgemeinmedizin zu erwerben. Einer von ihnen ist Prof. Dr. med. Wolf Otto Bechstein. Er leitete bis zu seiner Emeritierung 2024 die Klinik für Allgemein-, Viszeral, Transplantations- und Thoraxchirurgie am Universitätsklinikum Frankfurt.
Herr Professor Bechstein, nach einem stressigen Berufsleben haben Sie im August eine Weiterbildung zum Allgemeinmediziner begonnen. Haben Sie immer noch nicht genug vom Arztleben?
Bechstein: Nein, mir macht es großen Spaß und ich fühle mich körperlich und geistig weiterhin fit. Ich habe den Arztberuf immer aufgefasst als Berufung, nicht nur als Beruf.
Sie hätten weiter als Chirurg tätig sein können. Stattdessen setzen Sie noch eine andere Fachrichtung drauf, was reizt Sie daran?
Bechstein: Die Art von Chirurgie, die ich an der Universitätsklinik gemacht habe, braucht ein komplexes Umfeld mit entsprechenden Spezialisten, mit Intensivstationen, mit 24 Stunden interventioneller Radiologie und interventioneller Endoskopie, um Komplikationsmanagement gewährleisten zu können. Das wäre nicht mehr möglich gewesen und ich hätte etwas anderes machen müssen, zum Beispiel ambulante Operationen oder als Konsiliarchirurg oder Senior Surgeon.
Warum nicht das?
Bechstein: Aus zwei Gründen. Der erste ist, dass mit zunehmendem Alter die psychomotorischen Fähigkeiten nachlassen. Keiner weiß, bis zu welchem Lebensalter Chirurgen sicher operieren können. Manchmal verpasst man den Absprung. Das wollte ich auf keinen Fall erleben. Der zweite ist, dass ich im dritten Lebensabschnitt noch mal eine neue Herausforderung wollte, etwas machen, was ich bisher in der Form nicht gemacht habe, nämlich Allgemeinmediziner.
Hatten Sie in Ihrer Jugend schon mit dem Gedanken gespielt, Facharzt für Allgemeinmedizin zu werden?
Bechstein: Nein. Ich wollte ursprünglich in den Entwicklungsdienst gehen nach Ende meines Studiums. Das hat nicht geklappt. Eher zufällig bin ich in der Transplantationschirurgie gelandet. Transplantationschirurgie und komplexe Operationen bei Krebserkrankungen des Verdauungstraktes, das hat mich immer gereizt und das habe ich gerne gemacht.
In den 20 Jahren als Chef der Chirurgie haben Sie sich einen Namen gemacht. Jetzt wieder Azubi. Wie fühlt sich das an?
Bechstein: Ich habe kein Problem mit Hierarchien zu leben, das finde ich nicht schlimm. Als angestellter Arzt habe ich keine Personalverantwortung, geregelte Arbeitszeiten. Der Verantwortungsgrad ist wesentlich geringer. Auch das Komplikationsrisiko bei einer ambulanten Tätigkeit der Allgemeinmedizin ist wesentlich geringer als bei der Chirurgie.
Dafür gibt es andere Herausforderungen, was sind das zum Beispiel?
Bechstein: Während ich früher hoch spezialisiert gearbeitet habe, kommen jetzt Menschen mit ihren Problemen ungefiltert zu mir. Darunter welche, mit denen ich bisher nicht konfrontiert wurde, zum Beispiel Ekzeme der Haut oder Augenentzündungen. Viele denken, Allgemeinmedizin wäre nur Aspirin verschreiben und Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Bei anderen Beschwerden stellt man den Überweisungsschein aus zum Spezialisten. Das ist falsch, weil es nicht so viele Fachärzte gibt und auch nicht so schnell einen Facharzttermin. Viele Probleme muss man selber lösen. Dazu muss man sein Wissen ständig aktualisieren.
Der medizinische Fortschritt ist rasant. Was sind die Folgen?
Bechstein: Die Weiterbildung ist fast wie ein Gesamtmedizinstudium von vorne. In den einzelnen Fächern hat sich viel geändert, sodass ich sie noch mal komplett rekapituliere. Der Leitfaden Allgemeinmedizin alleine hat mehr als 1.800 Seiten.
In einem Beruf wie dem Ihren lernt man sein Leben lang. Aber es ist kein Geheimnis, dass man mit Ende 60 sich damit schwerer tut, als eine 25-Jähriger. Wie machen Sie denn das?
Bechstein: Das finde ich jetzt nicht so schwierig. Früher, wenn ich im Nachtdienst am OP-Tisch mit einem neuen Problem konfrontiert war, bin ich vom Tisch abgetreten und habe in einem Buch nachgeguckt. Heute erleichtert das Internet die Suche. Es gibt künstliche Intelligenz, die man täglich nutzen kann. ChatGPT oder auch Google geben viel schneller Antworten, als es früher war, wo man nur auf Webseiten verwiesen wurde. Dies wird in der Patientenversorgung noch zunehmen. Das finde ich faszinierend und es bereitet mir Freude.
Ihre Weiterbildung findet in einer Hausarztpraxis in Frankfurt-Oberrad statt. Wie haben Sie die gefunden?
Bechstein: Der Hintergrund ist auch ein persönlicher. Meine Frau ist dort als Internistin hausärztlich tätig und ihre Partnerin in der Gemeinschaftspraxis, Frau Dr. Daniela Freise, hat die Weiterbildungsermächtigung. Ich kann meine Frau fragen, so wie sie mich fragen kann, wenn sie meinen Rat braucht. Das ist eine komplette Weiterbildungsstelle mit 40 Stunden die Woche inklusive Hausbesuche – also alles, was man so als Hausarzt macht.
Und wie geht es weiter in zwei Jahren, wenn die Weiterbildung abgeschlossen ist?
Bechstein: Ich kann mir sehr gut vorstellen, dann auch noch hausärztlich tätig zu sein. Ob in voller Stelle wird man sehen. Nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung planen ein Viertel der Hausärztinnen und Hausärzte, ihre Tätigkeit bis 2030 aufzugeben, viele wollen ihre Wochenarbeitszeit reduzieren. Bereits heute sind 5.000 Hausarztsitze nicht besetzt. Ich gehöre als Jahrgang 1958 zu der Babyboomer-Generation, die jetzt das Berufsleben verlässt. Genau bei diesen Über-65-Jährigen treten vermehrt Krankheiten auf. Die Versorgung steht vor einer Riesenaufgabe. Und was mir besonders Spaß in der Hausarztpraxis macht, ist die Kommunikation, also die sprechende Medizin.
Kommt die Kommunikation unter den schwierigen Zeitbedingungen nicht oft zu kurz?
Bechstein: In der Tat. Da hilft meine 40-jährige Berufserfahrung, ich kann den Patienten die Dinge gut erklären, sie mit ihren Ängsten und Sorgen begleiten. Von Patientenseite gesehen gibt es ja zwei Überlegungen: Wähle ich einen älteren Arzt oder Ärztin mit mehr Erfahrung? Oder lieber einen jungen Arzt, weil der die neuen Techniken kennt? Das ist Vergangenheit, weil wir uns alle fortbilden müssen, und neue Leitlinien sind einfach zugänglich. Es gibt eine Reihe von Newslettern oder Plattformen. Den Anschluss zu behalten an dem, was Neues in der Medizin ist, gestaltet sich viel einfacher als vor zehn, 20 Jahren.
Okay. Wir könnten noch lange weitersprechen, aber ich glaube die wichtigsten Punkte haben wir so weit angeschnitten. Vielleicht sprechen wir in zwei Jahren noch mal, wenn Sie fertig sind.
Bechstein: Ja, sehr gerne. Ich wollte als Chirurg rechtzeitig aufhören. Das ist mir gelungen. In der Hausarztpraxis spielen psychomotorische Fähigkeiten keine so große Rolle. Das ist anders, als stundenlang im OP zu stehen, unter Stress und mit Komplikationen, die passieren können. Im Vergleich dazu ist die Arbeit in der Hausarztpraxis, abgesehen vom Zeitdruck, eher entspannend. Und ich habe eine Perspektive für die Zukunft. Es gibt keine Altersgrenzen in der Allgemeinmedizin. Anderseits könnte auch im Privatleben einiges passieren. Das ist heute alles noch nicht absehbar. Von daher, ja, wir können uns gerne in zwei Jahren noch einmal unterhalten.
Interview: Jutta Rippegather

