Rötlich schimmernde Wolkenstreifen ziehen über den Winterhimmel. Schnee liegt auf von dunklen Baumgruppen und Katen gesäumten Feldern, die sich bis zum Horizont erstrecken: Stimmungsvoll fängt Hans am Endes um 1895 entstandenes impressionistisches Ölgemälde „Winter in Worpswede“ die norddeutsche Moorgegend und ihr einzigartiges Licht ein. Das Bild des Malers und Mitbegründers der Künstlerkolonie Worpswede, zählt zu den bekanntesten Werken, die bis zum 22. März 2026 in der Sonderausstellung „Die Künstlerkolonie Worpswede – Von Otto Modersohn bis Heinrich Vogeler“ im Museum Kronberger Malerkolonie zu sehen sind. Unweit der Altstadt in einem parkähnlichen Anwesen gelegen, beherbergt die „Villa Winter“ seit 2018 als Kunstmuseum die Sammlung der Stiftung Kronberger Malerkolonie. Mit der aktuellen Sonderausstellung spannt das Museum einen erzählerischen Bogen zwischen den beiden bedeutenden deutschen Künstlerkolonien des 19. Jahrhunderts unter einem Dach.
Seit der französischen Schule von Barbizon in den 1830er Jahren zog es Künstler zum Malen nach draußen in die freie Natur. 1858 wurde die Kronberger Malerkolonie von Anton Burger und Jakob Fürchtegott ins Leben gerufen, später stießen u. a. Hans Thoma und Fritz Wucherer hinzu. Insgesamt 100 Künstler, die meisten durch das Studium am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt verbunden, schlossen sich der Kolonie an, um im Taunus zu malen und den Gegensatz zwischen Kunst und Kultur zu überwinden.
„Nieder mit den Akademien“
Auch die Worpsweder Kolonisten suchten eine ursprüngliche Landschaft abseits der Großstädte, um zu neuen Formen der Natur- und Menschendarstellung zu gelangen. „Nieder mit den Akademien, nieder mit den Professoren und Lehrern, die Natur ist unsere Lehrerin und danach müssen wir handeln“, proklamierte der Maler Otto Modersohn.
Nachdem Modersohn, Fritz Mackensen, Hans am Ende, Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler 1895 in der Bremer Kunsthalle gemeinsam ausgestellt hatten und wenig später in dem Münchner Glaspalast ihren Durchbruch feierten, wurde erstmals von der Worpsweder Schule gesprochen. Bald entwickelte sich die Kolonie zu einem Künstlermagneten. Die Ausstellung in Kronberg zeichnet die Entwicklung von den Anfängen der Kolonie über den Durchbruch bis zum Auseinanderfallen der Gruppe um 1900 nach.
Moorlandschaften und Genrebilder
Weite Himmel, Moor- und Birkenlandschaften, aber auch die Darstellung des Lebens der Moorbauern sind charakteristisch für Worpswede. Fast mystisch mutet Fritz Overbecks Gemälde „Abend im Moor“ ,1896, an, in dem das Mondlicht die Farben des Moors geheimnisvoll leuchten lässt. Vor Wolkentürmen reckt sich Hans am Endes „Birke im Sommer“ mit üppig rötlichem Blätterdach in die Höhe. Wie riesige Arme scheinen die Wurzeln der Birken in Otto Modersohns Ölbild „Moordamm“ (1904) ins Erdreich zu greifen.
Christian Ludwig Bokelmann hielt das harte Leben der Moorbauern in eindringlichen Genrebildern fest. In Frühlingsfarben getaucht, wirft sein Gemälde „Spielende Moorbauernkinder“ (um 1890) allerdings ein heiteres Licht auf die bäuerliche Szene. Einen besonderen Blickfang der Kronberger Schau stellt Heinrich Vogelers Ölbild „Im Frühling“ (1903) dar, das seine Tochter vor dem Barkenhoff – Bauernkate, Wohn- und Atelierhaus, Ausstellungsort – in Worpswede zeigt.
Modersohn-Becker und der „Mythos“ Worpswede
Dass Worpswede zum „Mythos“ der deutschen Kunst um 1900 wurde, ist vor allem auf Paula Modersohn-Becker, Ehefrau von Otto Modersohn, zurückzuführen. Sie war eine Pionierin, die mit den traditionellen Malweisen der Kolonie brach, zwischen der ländlichen Natur Worpswedes und der Pariser Avantgarde hin und her pendelte und den frühen Expressionismus in die Kolonie trug.
Ihre Arbeiten zeichneten sich durch eine extreme Vereinfachung von Farbe und Form aus. Während Otto Modersohn oder Fritz Mackensen die Landschaft meist naturalistisch idealisiert darstellten, unterschied sich ihre unromantische Darstellung bäuerlichen Lebens deutlich von der das Landleben heroisierenden Malerei.
Paula Modersohn-Beckers Figuren und Gesichter wirken holzschnittartig, ihre Kinderbildnisse unsentimental. Als Werk der frühen deutschen Moderne, das die charakteristische Einfachheit und emotionale Tiefe der Malerin zeigt, gilt das in Kronberg ausgestellte Gemälde „Elsbeth mit Glaskugel“ (um 1902). Während das Antlitz des Mädchens flächig und nahezu ausdruckslos erscheint, ziehen Farben und Bildkomposition in ihren Bann.
Vorreiterin der Moderne
Die Kronberger Ausstellung wirft ein Schlaglicht auf Modersohn-Becker, die zu Lebzeiten oft im Schatten ihrer männlichen Kollegen stand. Sie war Vorreiterin in der von Männern dominierten Kunstwelt und zog andere Künstlerinnen nach Worpswede, denen der Zugang zu Kunstakademien verschlossen geblieben war. Erst nach ihrem frühen Tod erfuhr Modersohn-Becker internationale Anerkennung als eine der ersten bedeutenden modernen Malerinnen.
Katja Möhrle

