Die Autoren haben als Abgeordnete auf dem Deutschen Ärztetag 2024 den mehrheitlich angenommenen Antrag auf Straffung der Weiterbildung gestellt mit der Begründung:
Ziel ist ein besserer Kompetenzerwerb in kürzerer Zeit durch Priorisierung und Straffung der Weiterbildung und Verminderung von „leerer“ Stationsarbeit etc. Familienbedingte Verlängerungen der Weiterbildungszeit könnten vermindert werden. Arbeitsverdichtungen und ein „Arzt-light“ müssen vermieden werden.
Warum diese Forderung?
Die medizinische Wissenschaft schreitet stetig voran. Handlungskompetenzen werden immer differenzierter und spezieller. Grundfächer wie Chirurgie und Innere Medizin werden sukzessive durch die zunehmende Spezialisierung wie z. B. Kardiologie, Hämatoonkologie, Gastroenterologie, Intensivmedizin u. a. mehr ersetzt. Und nach dem Facharzt fängt die Spezialisierung erst richtig an, in der Kardiologie gehören dazu Subspezialitäten wie z. B. interventionelle Kardiologie, Elektrophysiologie, Echokardiographie etc.
„Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.“
Antoine de Saint-Exupéry
Es ist die Aufgabe von Bundesärzte- und Landesärztekammern, Rahmenbedingungen für die Weiterbildung zu definieren und so zu strukturieren, dass sie geordnet abläuft und die notwendigen Inhalte korrekt vermittelt werden. Nach den wiederholten Beschlüssen des Deutschen Ärztetages bedeutet das auch eine Fokussierung der Weiterbildung auf das Wesentliche. Unnötige Zeiten müssen vermieden werden, nur dann kann ausreichend früh mit einer weiteren Spezialisierung begonnen werden.
Dies ist kein einfaches Vorhaben. Viele unterschiedliche Interessen müssen untereinander sinnvoll ausgeglichen werden.
- Patientinnen und Patienten haben Anspruch auf möglichst gut qualifizierte Ärztinnen und Ärzte.
- Krankenhäuser und Praxen möchten möglichst lange über gut qualifizierte Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung für die Regelversorgung und die Nacht- und Wochenenddienste verfügen.
- Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung haben Anspruch auf eine möglichst frühe Vermittlung von qualifizierenden Inhalten der Weiterbildung, seien es Narkoseführung, Ultraschall des Herzens oder Blasenspiegelung; dafür sollen klare Curricula zeitnah erarbeitet werden und einen zeitgerechten Abschluss der Weiterbildung erlauben.
- Die ärztlichen Berufsverbände wollen Neuerungen ihrer jeweiligen Fachgebiete in der Weiterbildung verankert wissen und erheben einen vermeintlich hoheitlichen Anspruch auf deren Definition.
- Weiterbilder sind im stressigen Tagesgeschäft herausgefordert, die in der Weiterbildungsordnung beschriebenen Kompetenzen zeitgerecht zu vermitteln.
Verbleibende Defizite der Weiterbildung nimmt das Papier der Zeugnisse geduldig zur Kenntnis.
Die gewünschte Straffung der Weiterbildung wird zum Teil auch von den Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung kritisch gesehen:
- Fehlende Zeit, um alles genau kennenzulernen.
- Es ginge alles viel zu schnell, um gut durch die Rotation zu kommen.
- Warum ändern, wenn es erst vor acht bis zehn Jahren geändert wurde?
- „Es ist doch gut, so wie es ist.“
- Internisten (u. a. Fachärzte) müssen immer alles können, da können die Zeiten (nicht die Inhalte) gar nicht lange genug sein.
Allerdings: Die Vorgaben der Weiterbildungsordnung sprechen deutlich von einer Mindestweiterbildungsdauer. Reicht die Mindestzeit nicht, um die erforderlichen Kompetenzen für den Facharzt zu erarbeiten, verlängert sich die Weiterbildung. Kommt Elternzeit dazu oder wird die Arbeitszeit reduziert, kann die Weiterbildung ebenfalls nicht in der Mindestzeit abgeschlossen werden.
Weiterbildungszeit in der Medizin ist viel zu kostbar, um sie mit überflüssiger Bürokratie und Hilfsarbeiten auszufüllen. Eine straffe und modularisierte Weiterbildung, erforderlichenfalls mit curricularen Elementen, ist das gemeinsame Ziel. Was selten geleistet wird, auch weil es Personal und Ressourcen kostet, aber in der schnelllebigen Welt immer nötiger wird: regelmäßige Qualitätsprüfungen zur Durchführung von Weiterbildung, zum Beispiel durch freiwilliges Peer-Review und/oder stichpunktartige oder anlassbezogene Visitationen der Kammern.
Das Motto Reduce to the Max, weniger ist mehr, würde allen Akteuren, Weiterbildenden wie Weiterzubildenden helfen. In diesem Sinn wünschen wir uns eine nüchterne und zielorientierte Diskussion für eine gute und zukunftsfähige Weiterbildung auf dem Deutschen Ärztetag in Hannover im Mai 2026.


Dr. med. Wolf Andreas Fach, Dr. med. H. Christian Piper
Die Beiträge in dieser Rubrik geben nicht unbedingt die Meinung des Präsidiums wieder.
