Sehr beeindruckt und gefreut hat mich das Interview mit dem Kollegen Professor Bechstein, der als Chefarzt der Chirurgie sich jetzt noch als Facharzt für Allgemeinmedizin weiterbildet und sich in die „Niederungen“ der Allgemeinmedizin begibt. Es ist bewundernswert, dass er einen Neuanfang macht und sich auf ein neues Terrain begibt, das von einigen Facharztkollegen nicht besonders hoch angesehen wird.

Ich denke, ich weiß, wovon ich rede, denn als Facharzt für Allgemeinmedizin mit 35 Jahren in eigener Praxis niedergelassen und nun Angestellter in einem MVZ ist es fast eine häufig wiederkehrende Erfahrung. Von Ambulanzen und von Facharztkollegen kehren Patienten zurück mit Bemerkungen wie: „Oh Gott, oh Gott, wie konnte der nur“, „Der hat doch absolut keine Ahnung davon“ oder „Warum schickte er sie jetzt zu mir?“

Dieser Entschluss zur Weiterbildung nach solcher Berufserfahrung ist für mich die Bestätigung, dass ältere, erfahrene Kollegen neben dem neuen Erlernen auch ihre über Jahrzehnte gesammelte Fachkompetenz an jüngere Kollegen weitergeben können. So entsteht die Chance für beide Seiten: für die jüngeren Kollegen, durch den ständigen Austausch der Erfahrungen vieles zu lernen, und für die älteren Kollegen, ihre geliebte Medizin weiter betreiben zu können.

Nachdem ich 35 Jahre eine eigene Praxis als Allgemeinmediziner geführt hatte, löste ich diese auf und pausierte ein Jahr. Nach dieser Zeit bemerkte ich, dass die Medizin mir fehlte. Bei Bewerbungen wartete ich häufig vergeblich auf eine Rückantwort; selbst nach persönlichen Vorstellungen hielt man es leider nicht für nötig, mir irgendeine Art von Absage zu erteilen. Dies hielt mich aber nicht davon ab, mich weiterhin zu bewerben, und erfreulicherweise wurde ich in meinem Umfeld fündig und arbeite nun in einem MVZ im Landkreis Darmstadt. Hier schätzt man meine Erfahrung, und meine nur halbtags betriebene Tätigkeit macht mir Freude und Spaß.

Alle Kollegen, die sich frühzeitig in den Ruhestand begeben haben, sollten sich noch einmal fragen und überprüfen, ob sie nicht doch zumindest in Teilzeit sich noch einmal der Medizin widmen wollen, um den schönsten Beruf der Welt weiter auszuführen.

Dr. med. Jürgen Rabe, Heusenstamm