Die Rahmenbedingungen im Praktischen Jahr (PJ) haben sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Substanzielle Verbesserungen bleiben aus. Rund ein Drittel der PJ-ler denkt sogar darüber nach, die kurative Medizin zu verlassen und sich beruflich neu zu orientieren. Das geht aus dem PJ-Barometer 2025 des Marburger Bundes hervor.

An der Online-Befragung beteiligten sich im November/Dezember 2025 rund 1.800 Medizinstudierende im Praktischen Jahr sowie Ärztinnen und Ärzte, deren PJ nicht länger als drei Jahre zurückliegt; zwei Drittel der Befragten sind weiblich. Knapp die Hälfte befindet sich aktuell im PJ, die übrigen haben ihr Praktisches Jahr in den vergangenen drei Jahren abgeschlossen.

Wie sich die Rahmenbedingungen konkret im Alltag des Praktischen Jahres auswirken, zeigt sich bei Arbeitszeiten, Diensten und der täglichen Aufgabenverteilung. Fehlende Struktur, unzureichende Anleitung und ein hoher Anteil ausbildungsfremder Tätigkeiten sind häufig genannte Defizite. Diese Bewertung deckt sich weitgehend mit den Ergebnissen der vorangegangenen Befragungen PJ-Barometer 2018 und PJ-Barometer 2023.

Unzureichende Anleitung und fehlendes Mentoring

Als zentrales Problem wird von vielen Umfrageteilnehmern die unzureichende Betreuung wahrgenommen. Ein erheblicher Teil der PJ-ler (39 %) muss bereits im ersten PJ-Tertial ohne verlässliche Ansprechpersonen wie Mentorinnen und Mentoren oder Lehrbeauftragte auskommen, die sie fachlich und persönlich unterstützen. Als besonders negativ und belastend empfinden PJ-ler, dass man von vielen ärztlichen Kolleginnen und Kollegen lediglich als billige Arbeitskraft angesehen wird: „Manchmal fühlt man sich ausgenutzt, wenn nichts erklärt wird und man nur Haken hält“, heißt es in einem Freitext-Kommentar.

Zwei Drittel der Teilnehmenden beklagen zudem, nicht ausreichend Zeit zum Selbststudium neben der praktischen Tätigkeit zu haben. Studientage sind zwar formal vorgesehen, können im klinischen Alltag jedoch häufig nicht wahrgenommen werden, weil dafür schlichtweg die Zeit fehlt. So verbringt mehr als die Hälfte der Befragten (55 %) im ersten PJ-Tertial zwischen 40 und 50 Stunden pro Woche in der Lehreinrichtung, bei 40 % sind es weniger als 40 Stunden. Knapp 42 % der Befragten haben im ersten PJ-Tertial Nacht- und Wochenenddienste geleistet, die meisten ein- oder zweimal pro Monat, jeweils etwa 9 % der Befragten auch drei- oder viermal im Monat. Die große Mehrheit dieser Dienste erfolgt ohne zusätzliche Vergütung außerhalb der PJ-Aufwandsentschädigung (bei 79 % der Befragten).

Unverändert hoch ist auch der Anteil der Studierenden, die im Praktischen Jahr eigenständig Aufgaben ohne ärztliche Anleitung oder Aufsicht übernehmen. Auf die entsprechende Frage konnten Mehrfachantworten gegeben werden. An erster Stelle (96 %) stehen delegationsfähige Leistungen (z. B. Blutentnahmen, Verbandswechsel), danach kommen mit 80 % nichtmedizinische Tätigkeiten, die auch von anderen Berufsgruppen erledigt werden könnten, und an dritter Stelle ärztliche Kernaufgaben (z. B. Anamnese, Diagnosestellung, Aufklärung), von denen 72 % der Befragten sagen, sie hätten diese eigenständig ohne ärztliche Anleitung und Aufsicht übernommen.

Wunsch nach „verlässlicher Zuständigkeit statt Zufallsprinzip“

Auf die Frage nach Verbesserungsmöglichkeiten fordern viele der Befragten feste Ansprechpartner, Mentorenmodelle, ärztliche Supervision und „verlässliche Zuständigkeit statt Zufallsprinzip“. Praktische Formate (Skills, Sonographie, Röntgen) und feste Lernzeiten bzw. Studientage sollten Standard sein. Besonders ärgerlich finden die Befragten die bestehende Regelung zu den 30 Fehltagen im Jahr, die alle Fehlzeiten inklusive Krankheitstage und Urlaub umfasst. Dadurch reduziert sich der Urlaubsanspruch, sobald Fehlzeiten durch Krankheit entstehen. „Es muss die Möglichkeit geben, sich krank zu melden, wenn man krank ist, und zuhause zu bleiben, um sich auszukurieren“, fordert einer der Befragten.

Die finanzielle Lage vieler PJ-Studierender bleibt angespannt. Ein Großteil der Befragten ist neben der Aufwandsentschädigung vor allem auf familiäre Unterstützung angewiesen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Einschätzung der eigenen Vorbereitung auf den ärztlichen Berufsalltag fällt insgesamt verhalten aus. Ein Drittel fühlt sich durch das Praktische Jahr unbefriedigend (25 %) oder sogar schlecht (11 %) auf den Berufseinstieg vorbereitet, 37 % bewerten die Vorbereitung als befriedigend, 23 % als gut und 3 % als sehr gut.

Skepsis über den weiteren Berufsweg

Erstmals wurde gefragt, ob die Befragten darüber nachdenken, die kurative Medizin zu verlassen und sich beruflich neu zu orientieren. Rund ein Drittel der Teilnehmenden antwortete darauf mit Ja, 52 % mit Nein und 15 % hatten keine Antwort auf diese Frage. Damit äußert ein erheblicher Teil der angehenden Ärztinnen und Ärzte bereits am Ende des Studiums Zweifel daran, dauerhaft in der Patientenversorgung tätig zu sein.

Vor dem Hintergrund des altersbedingten Ausscheidens großer Jahrgänge aus dem ärztlichen Berufsleben ist diese Skepsis über den weiteren Berufsweg sehr ernst zu nehmen: Die seit Jahren weitgehend unveränderten Rahmenbedingungen im Praktischen Jahr wirken sich auf Dauer offenbar negativ auf die Berufsentscheidung vieler Nachwuchsärztinnen und -ärzte aus und können schon bestehende Versorgungsprobleme weiter verschärfen.

Für Dr. med. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes und Präsidiumsmitglied der Landesärztekammer Hessen, sind die Ergebnisse der Umfrage deshalb auch ein Weckruf: „Das Praktische Jahr ist eine Bewährungsprobe – nicht nur für die Studierenden, sondern für das System insgesamt. Letztlich entscheidet sich im PJ, ob aus Begeisterung für den Arztberuf nachhaltige Motivation wird oder eben Ernüchterung.“

Alle Ergebnisse der Umfrage auf der Website des Marburger Bund: www.marburger-bund.de

Hans-Jörg Freese, Pressesprecher/Leiter Verbandskommunikation, Marburger Bund Bundesverband, Reinhardtstr. 36, 10117 Berlin, E-Mail: presse@marburger-bund.de