Ausstellungen
Mit einem bunten Strauß von Ausstellungen locken die hessischen Museen Kunstinteressierte vor und nach Weihnachten in ihre Räume. Wir präsentieren eine kleine Auswahl.
Bekanntester „Unbekannter“ der Malerei: Carl Schuch im Städel Museum Frankfurt
Carl Schuch (1846–1903), geboren im Kaiserreich Österreich, ist vielleicht der bekannteste „Unbekannte“ der Malerei des 19. Jahrhunderts. Von seinem Selbstverständnis her Europäer, steht er als Künstler am Übergang zur Wiener Moderne. Mit der großen Ausstellung „Carl Schuch und Frankreich“ wirft das Städel Museum bis zum 1. Februar 2026 einen umfassenden Blick auf das Werk des Malers sowie auf die Malerei des Impressionismus und Realismus.
Früh löste sich Schuch von nationalen Zuschreibungen und widmete sich kompromisslos der Malerei. Zu Lebzeiten war er der Öffentlichkeit kaum bekannt, doch nach seinem Tod wurde die Qualität seines Werks gewürdigt, bevor es später wieder in Vergessenheit geriet. Das Städel Museum zeigt rund 70 Gemälde Schuchs in einem Dialog mit etwa 50 bedeutenden Werken französischer Künstler wie Paul Cézanne, Camille Corot, Gustave Courbet, Édouard Manet und Claude Monet.
Im Mittelpunkt stehen Schuchs Jahre in Paris, wo er von 1882 bis 1894 seine künstlerisch prägendste Schaffensphase erlebte. Feine Farbnuancierung sowie ein außergewöhnliches Gespür für Licht und Atmosphäre: Das zeichnet Schuchs Malerei ebenso aus wie die Suche nach künstlerischer Wahrhaftigkeit. Mit der Ausstellung zeigt das Städel Museum Carl Schuch nach eigenen Worten „als einen Künstler, der mit seinem europäischen Blick und seiner unbeirrbaren Haltung ein eigenständiges Kapitel der Kunstgeschichte schrieb.“ Carl Schuchs Motto lautete: „Selbst sehen und selbst finden.“
Carl Schuch und Frankreich. Bis 1. Februar 2026 im Städel Museum. Informationen unter www.staedelmuseum.de
Streifzug durch Objekte der Menschheitsgeschichte: Körperbilder im Frankfurter Kunstverein
Unter dem Titel „Anatomie der Fragilität – Körperbilder in Kunst und Wissenschaft “ lädt der Frankfurter Kunstverein zu einem Streifzug durch Objekte der Menschheitsgeschichte und zeitgenössische Kunstwerke ein. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht der menschliche Körper. Die Art und Weise, wie er betrachtet, untersucht und dargestellt wird, ist einen ständigen Wandel unterworfen. Von der idealisierten Körperausfassung in der archaisch-griechischen Kunst über religiöse Darstellungen bis hin zu wissenschaftlich-anatomischen Figuren ab dem 17. Jahrhundert: Seit jeher haben Kunst und Wissenschaft in den unterschiedlichen Epochen immer neue Bilder geschaffen. Ihnen gegenüber stehen zeitgenössische Kunstwerke, die das heutige Verständnis von Körperlichkeit ausdrücken.
Die vom Frankfurter Kunstverein kuratierte Ausstellung, die noch bis zum 1. März 2026 zu sehen ist, entstand in Zusammenarbeit mit der Goethe-Universität Frankfurt – vertreten durch die Moulagensammlung der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie sowie die Antikensammlung am Institut für Archäologische Wissenschaften –, der Universität Bologna, der Sammlung anatomischer Votive Ludwig Stiedas aus dem Bestand der Antikensammlung der Justus-Liebig-Universität Gießen sowie der Privatsammlung Hans und Benedikt Hipp.
Frankfurter Kunstverein: Anatomie der Fragilität – Körperbilder in Kunst und Wissenschaft. Bis 1. März 2026. Informationen unter www.fkv.de
Tiere sind auch nur Menschen: August Gaul im Liebieghaus Frankfurt
Einst galt er als die Krone der Schöpfung. Längst aber hat sich die wissenschaftliche Erkenntnis durchgesetzt, dass der Mensch ein Tier ist und biologisch gesehen zur Gattung Homo sowie der Familie der Menschenaffen gehört.
Dass Tiere auch nur Menschen sind, behauptet das Frankfurter Liebieghaus im Titel seiner aktuellen Ausstellung, die dem Bildhauer August Gaul (1869–1921) gewidmet ist. Er zählt zu den ersten modernen Bildhauern Deutschlands. Mit seinen realistischen Tierdarstellungen eröffnete er um 1900 ein neues Kapitel der Skulpturgeschichte und wandte sich bewusst von der stärker dekorativen Bildhauerei des 19. Jahrhunderts ab. Von fein gearbeiteten Statuetten bis hin zu monumentalen Skulpturen im öffentlichen Raum reichen seine Arbeiten, die Tiere als autonome Wesen und nicht als Symbole von Macht oder Herrschaft zeigen.
Tiere sind auch nur Menschen. Skulpturen von August Gaul. Bis 3. Mai 2026, Informationen unter www.liebieghaus.de
Nachtleben neu entdecken: Die Nacht im Museum Sinclair-Haus, Bad Homburg
Nachtleben – ein Wort, das unterschiedliche Assoziationen hervorruft. Das Rätselhafte, Träumerische und Undurchdringliche der Nacht gehören dazu, ebenso ihre bisweilen grell illuminierten Facetten, aber auch finstere, mit Angst oder dem Gefühl von Einsamkeit verbundene Seiten. Bis zum 15. Februar 2026 setzt sich die Ausstellung „Nachtleben“ im Bad Homburger Sinclair-Haus künstlerisch mit dem Leben in der Dunkelheit auseinander.
Die Nacht ist voller Leben – das wollen die ausgestellten Arbeiten von u. a. Joshua Bonnette und Melanie Machot, Hans Op de Beck bis Tobias Zielony dokumentieren. Auch wenn unsere menschlichen Sinne wenig für ein Leben in der Dunkelheit geeignet sind, schleichen, kriechen, fliegen oder schweben andere Tiere ganz selbstverständlich durch die Nacht. „Nachtleben“ inspiriert dazu, die Nacht und die Dunkelheit neu zu entdecken: als Lebensraum, den wir mit unzähligen anderen Wesen teilen.
Nachtleben. Museum Sinclair-Haus, Bad Homburg. Bis 15. Februar 2026. www.kunst-und-natur.de/museum-sinclair-haus
Lesetipps
Zuflucht am Mittelmeer
Vor 70 Jahren starb der Schriftsteller Thomas Mann, am 6. Juni 2025 hätte er seinen 150. Geburtstag gefeiert. Zum Abschluss des Jubiläumsjahres ist die Lektüre von Florian Illies’ Roman „Wenn die Sonne untergeht. Familie Mann in Sanary“ wärmstens zu empfehlen.
Im glühend heißen Sommer 1933 spitzte sich die politische Lage in Europa zu. Nach abenteuerlichen Fluchten und Wochen der Ungewissheit suchten Thomas Mann und seine Familie am Mittelmeer Zuflucht vor den Nationalsozialisten. In dem südfranzösischen Ort Sanary-sur-Mer hatte sich bereits eine kleine deutsche Exilgemeinde gebildet, zu der u. a. Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig und Heinrich Mann gehörten. Trauer um den Verlust der Heimat, Überlebenswillen, aber auch Spannungen zwischen Vater und Kindern: Mit Humor, poetischer Eleganz und Leichtigkeit erzählt Florian Illies die Geschichte der Familie Mann auf der ersten Station ihres Exils. Dabei verknüpft er Anekdoten, Fakten und Szenen zu einem fesselnden Panorama.
Florian Illies: Wenn die Sonne untergeht, Familie Mann in Sanary. S. Fischer Verlage, Frankfurt am Main 2025, geb. 26 €
Zwischen Leistungsdruck und Sinnsuche
Was wird aus Kindern, wenn sie erwachsen sind? Was aus den Eltern, nachdem sie den Nachwuchs in eine immer unfreundlicher werdende Welt entlassen haben? In ihrem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Roman „Halbinsel“ erzählt Kristine Bilkau die Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung.
Auf einer Halbinsel im nordfriesischen Wattenmeer hat Annett nach dem frühen Tod ihres Mannes ihre Tochter Linn allein großgezogen. Für sie verkörpert Linn, die sich nach dem Abitur als Umweltvolontärin engagiert, Hoffnung, Sinn und Zukunft. Doch auf einer Tagung erleidet Linn einen Kreislaufzusammenbruch. Annett holt die zwischen Leistungsdruck und Sinnsuche aufgeriebene junge Frau zu sich. Aus einer Woche werden Monate, in denen Konflikte zwischen Mutter und Tochter, aber auch ganz allgemein zwischen den Generationen aufbrechen.
Kristine Bilkau, Halbinsel. Luchterhand Literaturverlag 2025, 24 €
Über die Verlorenheit im Universum
Zwei Tage vor der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse wurde der Deutsche Buchpreis 2025 an die Schweizer Autorin Dorothee Elmiger für ihren Roman „Die Holländerinnen“ verliehen. Die düstere Handlung basiert auf einer wahren Geschichte: 2014 verschwanden zwei junge niederländische Touristinnen in Panama. Das bis heute ungeklärte Schicksal der Frauen inspirierte Elmiger zu dem Buch, in dem sich eine Theatergruppe auf die letzten Spuren der Verschollenen begibt.
Eine Schriftstellerin ist beauftragt, die Recherche zu protokollieren und den Text eines Theaterstückes zu entwickeln. In ihrer Erzählung reihen sich immer neue beunruhigende und irritierende Geschichten aneinander. Furcht, Gewalt, Machtmissbrauch und die Verlorenheit im Universum sind die Themen des Romans, der das Unbehagen an einer zunehmend unkontrollierbar anmutenden Welt spürbar macht.
Dorothee Elmiger, Die Holländerinnen. Carl Hanser Verlag 2025, 16.99 €
Das fragile Glück der Freiheit
Dieses Buch ist eine Entdeckung. Sein Autor, der Journalist Sebastian Haffner, war für essayistische Betrachtungen wie seine „Anmerkungen zu Hitler“ oder seine „Geschichte eines Deutschen“ bekannt. Als er 1999 starb, wurde in seinem Nachlass der 1932 verfasste und bisher unveröffentlichte Roman „Abschied“ gefunden: Eine Liebesgeschichte über das ebenso kostbare wie fragile Glück der Freiheit.
Raimund, Rechtsreferendar im Berlin der frühen Dreißigerjahre, ist für ein paar Tage nach Paris gereist, um seine Freundin Teddy zu besuchen. Nun aber naht der Abschied von der Geliebten, einer von Männern umschwärmten Österreicherin. Als wolle er alles für immer festhalten, flaniert Raimund durch das bohèmehafte Paris und versucht, die französische Freiheit mit Teddy zu genießen. Noch ist der kommende Schrecken nur zu erahnen.
Sebastian Haffner, Abschied. Carl Hanser Verlag 2025, 24 €
Katja Möhrle






