„Empört euch!“ war 2011 eine französische Niederschrift zur aktuellen politischen Situation, verbunden mit dem Aufruf zum Widerstand gegen soziale Ungerechtigkeit und für mehr Engagement eines jeden und jeder Einzelnen. Diese wurde in den Medien intensiv aufgenommen und war auch in Deutschland Anlass zur Debatte über das verkümmerte zivile Aufbegehren.

Allerdings kann der Begriff der Empörung auch als eine kurzweilige emotionale Entrüstung ohne Nachhaltigkeit verstanden werden. Für die berufspolitischen Fragen der Ärzteschaft brachte auch vielfache Empörung über zunehmende Probleme und das beharrliche Zögern der politischen Verantwortlichen (Pflegenotstand, chronische Unterfinanzierung der Kliniken, Ärztemangel) frustrierend wenig Veränderung.

Pandemie als Brennglas

Waren vor zehn bis fünf Jahren noch die Kommerzialisierung und der Bettenabbau drängendes Thema – hat das DRG- System sich durch die Fokussierung auf Gewinnmaximierung mittlerweile ad absurdum geführt und wichtige, aber unrentable Bereiche der Versorgung verkümmern lassen. Die jungen Kolleginnen und Kollegen starten heute mit mehr Herausforderungen in das Berufsleben, als die Generationen vor ihnen. Die bestmögliche medizinische Ausbildung, Weiterbildung und die stetige Verbesserung der Behandlungsqualität durch wissenschaftlichen Fortschritt reichen nicht mehr, um in der ärztlichen Berufswelt zu bestehen.

„Eine Selbstermächtigung der Studierenden ist die Grundlage für mündige und wehrhafte Ärztinnen und Ärzte.“

War man damals noch froh, eine passende Stelle gefunden zu haben, gilt es heute, eine Abteilung mit ausreichendem Stellenschlüssel zu finden, damit sich die Arbeitslast nicht auf die wenigen Verbliebenen konzentriert. Weiterbildung, Versorgungsqualität und Karrierechancen leiden unter der Personalnot. Die Pandemie war lediglich das Brennglas zur Verknappung einer ohnehin dünnen Personaldecke in den Kliniken – ohne dass politisch ansatzweise ausreichende Konsequenzen gezogen wurden. Erfreulicherweise gibt es gute Beispiele von studentischem und auch jungem ärztlichen Aktivismus, gegen die Probleme der Personalnot, den Klimawandel und den Abfluss von Kapital aus dem Gesundheitssystem (Aktion bunte Kittel etc.).

Berufsausbildung mit Lücken

Die Kenntnisse und abgeleiteten Vorschläge für bessere Arbeitsbedingungen und klimafreundliches Wirtschaften in Kliniken wurden meist autodidaktisch erarbeitet. In der Berufsausbildung finden diese Themen noch zu wenig Aufmerksamkeit. Dies muss sich ändern – damit die Ärzteschaft sich in Zukunft besser den negativen Entwicklungen erwehren kann.

Doch wird auch die Lehre den kommenden Anforderungen im Beruf gerecht? Auf dem Deutschen Ärztetag forderte die Ärzteschaft zu Recht eine Einbindung von Gesundheitsökonomie und Klimafragen in die Approbationsordnung. Nun gibt es meines Wissens nach keinen Lehrstuhl für den Umgang mit Arbeitsdruck und Mangelwirtschaft. Zumindest treffen die Studierenden mittlerweile an der Uniklinik Marburg zum Thema Klimawandel und Medizin mit Prof. Dr. med. Eckhart von Hirschhausen auf einen prominenten Honorarprofessor.

Studium muss Realitäten gerecht werden

Um ein Abwandern von approbierten Kolleginnen und Kollegen aus der medizinischen Versorgung zu verhindern, bedarf es einer besseren Vorbereitung auf die größer werdenden Probleme in der stationären und ambulanten Versorgung. Bisher übernehmen Ärzteverbände, Fachgesellschaften und Eigeninitiativen diese Aufgabe. Eine Selbstermächtigung der Studierenden und später ärztlich Tätigen aber ist die Grundlage für mündige und wehrhafte Ärztinnen und Ärzte.

Damit auch in Zukunft auf die Empörung auch Fordern und Handeln folgt. Denn Berufspolitik ist in heutiger Zeit umso wichtiger denn je. Der Politik allein kann es nicht überlassen werden.

Dr. med. Lars Bodammer, Präsidiumsmitglied der Landesärztekammer Hessen