Das Büchlein macht schon nach wenigen Zeilen mit der problematisierenden Frage, warum „der Begriff (Burnout) eine so schwer verstehbare Popularität in der westlichen Welt erlangt“, Hoffnung auf einen anspruchsvollen, die bestehenden nosologischen Unklarheiten ergänzenden Inhalt. Kompakt und fundiert stellen die beiden Autoren im ersten Teil dann auch die Komplexität des „Begriffs Burnout“ dar – ausgehend von seinem Erscheinen in der Mitte des letzten Jahrhunderts über seine unklare medizinische Einordnung (auch im ICD-11 noch als Zusatzdiagnose) hin zu dem zwingenden (?) Zusammenhang mit der Arbeitswelt bis zu den gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte.
Eine Fülle von Aspekten (so individuelle, gesellschaftliche, medizinische, neurobiologische und soziologische) wird Interesse weckend angeschnitten, so dass sich auch Laien und Organmediziner – eine gewisse Lesefreudigkeit angesichts des nur durch wenige Schaubilder unterbrochenen Textes vorausgesetzt – angesprochen und zum Weiterdenken angeregt fühlen dürften. Auch um diagnostisch zu sensibilisieren, wird ein Überblick über Symptomatik und die schwierige Diagnosestellung gegeben.
Wer mit (möglicherweise) Betroffenen zu tun hat, bekommt durch Beispiele eher leichter Verläufe eine Orientierung über erste hilfreiche Maßnahmen. Wer psychotherapeutisch über Erfahrung mit den nicht seltenen komplexen Verläufen verfügt, wird durch die Fokussierung ursächlicher Aspekte auf die individuelle Stressverarbeitung und auf Belastendes im Arbeitsumfeld wenig Neues finden.
Entsprechend begrenzend empfehlen die Autoren überwiegend Behandlungselemente des kognitiv-behavioralen Verfahrens. Sie begründen dies zwar mit der spärlichen Studienlage, jedoch wird m. E. dadurch dem zu recht beklagte Mangel einer „von allen akzeptierte(n) Definition von Burnout“ nicht entgegen getreten.
Ergänzend stellen sie die ihrer Meinung nach auch von Nicht-Fachkräften anwendbare Methode der Supportiven Psychotherapie (SPT) dar – schulenübergreifend zur Stabilisierung allgemein sowie zur Behandlung chronisch-psychiatrisch Erkrankter anerkannt. Insofern wird auch hiermit keine Idee geboten, die sehr wichtigen psychodynamischen Ansichten zu Burnout zu integrieren.
Nach anregender und gehaltvoller Lektüre bleiben somit Fragen mancher Leser*innen nach den Auswirkungen der Beziehungsstörungen unserer Zeit offen.
Annette Meyer-Vogt, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytikerin

