Die Inszenierung wirkte wie ein lebendig gewordenes Gemälde. Spektakulär und anmutig zugleich: In langen wehenden Gewändern huldigten Tänzerinnen und Tänzer zur Eröffnung der ersten Ausstellung auf der Darmstädter Mathildenhöhe im Jahr 1901 dem Geist des Jugendstils. Von Großherzog Ernst Ludwig initiiert und unter der Leitung des Architekten Joeseph Maria Olbrich wurde die Künstlerkolonie als Gesamtkunstwerk aus Architektur, Malerei und Handwerk präsentiert, das eine neue Lebensform hervorbringen sollte.
125 Jahre später fragt die Darmstädter Ausstellung „A Step Ahead“ (Einen Schritt voraus) nach der Zukunft jener Idee, Kunst und Alltag in einem ganzheitlichen Konzept miteinander zu verschmelzen. Und dies mit überschaubaren, eindrucksvoll in Szene gesetzten Exponaten, die in den Dialog mit zeitgenössischen Positionen aus Kunst und Design treten. Vier thematisch gegliederte Hallen nehmen die vier visionären Ausstellungen von 1901, 1904, 1908 und 1914 in den Blick, die zum Eintrag der Mathildenhöhe in die UNESCO-Welterbeliste geführt haben.
Minimalistischer Charakter
Schon die erste Halle im Ausstellungsgebäude der Mathildenhöhe hat minimalistischen Charakter. Leicht erhöht auf einem Podest dominiert ein Jugendstilmädchenzimmer von eleganter Leichtigkeit den Raum: Schrank, Bett und ein filigraner Schreibtisch – das restaurierte, nie zuvor in dieser Vollständigkeit gezeigte Interieur aus hellem Holz stammt von dem Jugendstilkünstler Patriz Huber. Im Hintergrund dokumentiert eine historische Schwarz-Weiß-Aufnahme die ursprüngliche Umgebung des Ensembles.
Auf der Rückseite des Mädchenzimmers öffnet sich eine zweite künstlerische Ebene. Aus historischen Fotografien entwickelt, flimmert die Mathildenhöhe in einer farbigen, dreidimensionalen Rekonstruktion über den Bildschirm und entführt den Betrachter in ein fast real erscheinendes, imaginiertes Gestern. Möglich wird dies durch künstliche Intelligenz als Werkzeug historischer Annäherung.
Vor weißer Hallenwand rahmt ein ornamentaler Jugendstilplakatständer von 1901 eine moderne Installation ein – ein interaktives, digitales Plakat. Wer sich vor dieses Plakat stellt, wird von einer Kamera erfasst, die ein elektronisches Bild generiert. Ausgehend von Körperhaltung und Farbigkeit der Kleidung präsentiert das digitale Plakat schließlich eine Art Analyse, die in großen Lettern über den Bildschirm läuft. So erfährt etwa ein schwarz gekleideter Besucher, eine herausragende Persönlichkeit zu sein. Die verspielt anmutende Installation von intolight & friends verweist zugleich auf die wachsende Bedeutung von Interaktion in der heutigen Außenwerbung.
Verbesserung durch Gestaltung
Die Darmstädter Künstlerkolonie hat Gestaltung nie als rein dekorative Disziplin verstanden. Daher korrespondieren auch in „A Step Ahead“ die Exponate der Vergangenheit mit Kunst, Design und digitalen Technologien der Gegenwart. Eine streng reduzierte, von Jonathan Radetz und Akpene Therése Gbogo entworfene Küche, die entfernt an die funktionalen Raumkonzepte Ernst Mays erinnert, steht Jugendstilplakaten und kunstvoll gestalteten Küchentextilien gegenüber. Der Kontrast macht sichtbar, wie unterschiedlich Epochen auf dieselbe Frage antworten: Wie lässt sich das tägliche Leben durch Gestaltung verbessern?
Beitrag zur World Design Capital 2026
Die Darmstädter Schau, in der unter anderem Arbeiten der Künstlerkoloniemitglieder Olbrich, Patriz Huber, Peter Behrens und Bernhard Hoetger sowie zeitgenössische Werke von Andrea Zittel, Michael Jantzen, Akpene Therése Gbogho oder intolight & friends gezeigt werden, ist offizieller Beitrag zur World Design Capital 2026 (WDV 2026) im Rhein-Main-Gebiet.
Die World Design Organisation mit Sitz im kanadischen Montreal hat die Region Frankfurt RheinMain zur WDC 2026 ernannt. Unter dem Motto „Design for Democracy. Atmospheres for a better life“ (Design für die Demokratie. Umgebungen für ein besseres Leben) finden in diesem Jahr über 2.000 Veranstaltungen statt, die sich mit der gesellschaftlichen Rolle und Wirkung von Design in unterschiedlicher Formgebung auseinandersetzen. Eingebunden in das Programm der WDC 2006 knüpft „A Step Ahead“ an die internationale Strahlkraft Darmstadts im Bereich Architektur, Kunst und Design um 1900 an.
Hochzeitsturm als offener Entwurf
Blickfang und Mittelpunkt der Ausstellung ist eine hoch aufragende digitale Bildschirmstele, deren Konturen den Darmstädter Hochzeitsturm (Architekt: Joseph Maria Olbrich) nachzeichnen. Über ein Bedienerpult lassen sich Ansichten und einzelne Bauelemente nach Gusto verändern. Damit werden Besucher zum Teil der Inszenierung und das Wahrzeichen der Stadt Darmstadt vom historischen Bauwerk zum offenen Entwurf. Hinter dieser vom Institut Mathildenhöhe konzipierten Station mit dem Titel „Wir bauen einen Turm“ treffen ein hölzernes Harmonium und ein elektronisches Keyboard aufeinander. Zeuge der Vergangenheit das eine, Instrument der Gegenwart das andere. Während aus den Lautsprechern sphärische Klänge ertönen, können Besucher auf dem Bildschirm kreisförmige Gebilde verschieben und damit die musikalische Untermalung modifizieren.
Raum für Assoziationen
Den Abschluss bildet ein kinoähnlicher Raum. Auf schlichten Hockern verfolgen Besucher einen animierten Film über die historische Mathildenhöhe, deren programmatischer Anspruch überraschend modern geblieben ist. Gestaltung als zeitüberdauernde gesellschaftliche Verantwortung: „A Step Ahead“ lässt die Reformidee der Mathildenhöhe nicht als abgeschlossenes Kapitel der Kulturgeschichte, sondern als Ausgangspunkt gegenwärtiger Fragen erscheinen. Dabei bieten die großzügigen Ausstellungshallen mit den sparsam platzierten Exponaten Luft zum Atmen und Raum für Assoziationen.
Die Ausstellung „A Step Ahead“ ist noch bis zum 31. Januar 2027 zu sehen. Informationen unter: www.mathildenhoehe.de
Katja Möhrle



