Flüchtling aus Syrien, Kopftuch tragende Muslima, fünffache Mutter: Attribute, über die Frauen wie Nour Alhuda Erksousi negativ bewertet werden. Gerade der Werdegang dieser jungen Frau verdeutlicht, wie sehr Vorurteile aufgrund von Herkunft und Religionszugehörigkeit in die Irre führen können. In flüssigem und grammatikalisch korrektem Deutsch erzählt Nour über Privates und Berufliches – und dies in der Hoffnung, dass Entscheidungsträger den einzelnen Menschen im Blick haben und Frauen wie ihr berufliche Entfaltung ermöglichen.
Die Sprache des Landes, in das Nour vor elf Jahren mit ihrem Mann und drei Söhnen flüchtete, lernte sie anfangs nur übers Selbststudium. Zeit für Kursbesuche hatte die Mutter von kleinen Kindern nicht. Zwei, vier und fünf Jahre alt waren die Söhne, als sich die Familie im Sommer 2015 von Damaskus aus auf den Weg nach Europa machte. „Meinem Mann und mir war klar, dass wir weggehen müssen, uns in Sicherheit bringen müssen. Einen genauen Plan hatten wir aber nicht“, erzählt Nour. Dass sie einmal Deutsch sprechen, ja sogar sogar deutsche Staatsbürgerin werden würde: Das war fern ihrer Vorstellungskraft, als sie mit ihrer Familie in Kassel ein neues Leben begann.
Die erste Zeit sei es ihr in der „total fremden Umgebung“ sehr schlecht gegangen; nicht nur die Sprache, sondern so vieles andere habe sie nicht verstanden. „Ich war körperlich und emotional am Ende“, so Nour. „Es gab zum Glück Menschen, die uns zur Seite standen“, betont die fünffache Mutter. In der Zeit, in der sie in einer Gemeinschaftsunterkunft lebten, habe sie ein deutsches Ehepaar kennengelernt: Rüdiger und Barbara. Nour erinnert sich noch sehr genau an diesen Moment in der Kirche: „Ich bin auf Barbara zugegangen, habe meine Hand auf den Tisch gelegt und – in einfachem Englisch – um Hilfe gebeten.“ Es sei kein geplanter Schritt gewesen, sondern eine spontane Handlung, weil sie in ihrer Not keine andere Möglichkeit mehr gesehen habe.
In der Gemeinschaftsunterkunft lebte die Familie – damals noch fünfköpfig – in einem Zimmer und teilte mit vielen anderen Küche und Bad. „Die Situation war sehr belastend, besonders weil ich zu dieser Zeit schwanger war und kurz vor der Geburt meiner Zwillinge stand“, erzählt Nour.
Das deutsche Ehepaar habe sie und ihre Familie mit großer Offenheit unterstützt und dabei geholfen, eine Wohnung zu finden und einzurichten. „Nur 16 Tage vor der Geburt konnten wir in unsere eigene Wohnung einziehen“, so Nour. Inzwischen seien Barbara und Rüdiger zu einem Teil ihrer Familie geworden.
„Wir feiern gemeinsam Feste wie Weihnachten und Ostern. Die Begegnung mit den beiden hat mein Vertrauen in Menschen und in neue Anfänge nachhaltig geprägt.“ Es gab aber auch Erlebnisse, an die sich Nour ungern erinnert. Damit es nachvollziehbar wird, wie schlimm eine bestimmte Situation war, erzählt sie davon: Es war der erste Elternabend, an dem sie „hochschwanger“, im Januar 2016 teilnahm. „Ich saß da und lächelte immerzu, ich nickte und klatschte mit den anderen Eltern, damit ja nicht auffällt, dass ich nichts verstand.“ Nach diesem Elternabend empfand sie Scham. Sprachlos zu sein, das sei ihr so peinlich gewesen, dass sie sich vorgenommen habe, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen. „Tagsüber war ich Mutter und Hausfrau, abends meine eigene Lehrerin“, sagt Nour. Mit Wörterbuch und Videos im Internet habe sie angefangen, Deutsch zu lernen.
Ein Jahr später saß Nour im selben Klassenzimmer, diesmal verlief der Elternabend ganz anders. Sie meldete sich immer wieder zu Wort und wurde sogar in den Elternbeirat gewählt. Inzwischen engagiert sie sich sogar im Stadtelternbeirat. „Mir geht es nicht im Titel und Position, sondern eine Stimme für meine und andere Kinder zu sein, mich für sie einzusetzen“, betont die 32-Jährige.
Mutter und Hausfrau sein: Das reichte Nour nicht. Die Freiheit, die sie in Deutschland hat, wollte sie dafür nutzen, mehr aus sich zu machen. Sie bewarb sie sich um Ausbildungsplätze – in medizinischen Berufen, weil sie sich für alles, was mit Medizin zu tun hat, auch schon in Syrien interessierte. Eine Berufsausbildung, geschweige ein Studium war aber dort nicht vorgesehen gewesen für die Tochter einer Schneiderin und eines Kaufmanns. „Einen Monat nach meiner Abschlussprüfung der Oberschule war meine Hochzeit“, erzählt sie. Der Bräutigam war 28 und sie 17 Jahre alt.
Nour sagt, sie führe eine glückliche Ehe, werde von ihrem Mann unterstützt und darin bestärkt, ihre beruflichen Ziele zu verfolgen. Weil sie auf ihre vielen Bewerbungen – etwa als Arzthelferin, Laborassistentin, zahnmedizinische Helferin – nur Absagen bekam, habe er ihr gesagt, sie könne doch das Tuch ablegen, von ihm aus müsse sie es nicht tragen. Eine Frau mit arabischem Namen, die Kopftuch trägt, Mutter von fünf Kindern ist und deren Deutsch nicht perfekt ist: Das wecke nun mal keine positiven Assoziationen, sagt Nour in einem ganz sachlichen Ton.
„Ich kann und möchte aber das Kopftuch nicht ablegen“, sagt die fromme Muslima. Seit ihrem elften Lebensjahr trage sie ein Kopftuch, sie habe sich so sehr daran gewöhnt, dass sie sich mit offenem Haar so fühle, als sei sie nackt.
Eines Tages, Nour war wegen einer weiteren Absage sehr niedergeschlagen, erzählte sie während eines Termins bei der Kinderärztin von ihrem Frust. Und davon, wie gerne sie einen medizinischen Beruf erlernen wolle. An die Reaktion von Mareile Wilsch erinnert sich Nour sehr genau: „Wenn Sie möchten“ habe sie gesagt, „können Sie bei mir eine Ausbildung machen. Ich suche eine Auszubildende.“ Nour erzählt, gar nicht überlegen zu haben. „Ja, würde ich gerne“ habe sie geantwortet.
Die Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten hat Nour fünf Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland begonnen und längt abgeschlossen, in der Kinderarztpraxis von Dr. Mareile Wilsch ist sie weiterhin tätig. Einmal die Woche arbeitet sie ganztags und viermal die Woche nur vormittags, damit sie genug Zeit für ihre Kinder hat.
Nach ihrer Ausbildung absolvierte die ehrgeizige und wissbegierige Muslima mehrere Fort- und Weiterbildungen – alle an der Carl-Oelemann-Schule der Landesärztekammer Hessen in Bad Nauheim; so etwa zu Impfmanagement, Qualitätsmanagement, Ernährungsmedizin und zuletzt zur Fachwirtin für ambulante medizinische Versorgung. „Während der Präsenzzeiten, meist waren sie montags bis freitags, hat sich mein Mann um die Kinder gekümmert“, sagt Nour. Er habe vor ihr eine Ausbildung gemacht und sei bei einer Firma als Dachdecker angestellt.
Ohne die Unterstützung ihres Mannes und ihrer Eltern, die vier Jahr später aus Syrien flüchteten und ebenfalls in Kassel leben, sei das alles nicht möglich gewesen, sagt Nour. Und schon gar nicht ohne Mareile Wilsch, der Kinderärztin, betont sie. Denn von den gängigen Vorurteilen über Geflüchtete und Kopftuchträgerinnen habe sich diese Medizinerin nicht in die Irre führen lassen und ihr es ermöglicht, sich zu entfalten. „Ich liebe es, zu lernen“, sagt Nour. Ihre „Bildungsreise“ sei längst nicht zu Ende. Ihr nächstes Ziel: Medizin studieren.
Canan Topçu, E-Mail: c.topcu@schreibenundsprechen.eu
Die Autorin (Jahrgang 1965) ist in der Türkei geboren und ausgebildete Journalistin. Sie schreibt seit mehr als 30 Jahren vor allem über Themen zu Migration und Muslime in Deutschland.
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