Nicht nur die Landesärztekammer Hessen feiert in diesem Jahr ihr 70-jähriges Bestehen (siehe Ausgabe 4/2026 Hessisches Ärzteblatt, S. 198): Auch ihr Präsident, Dr. med. Edgar Pinkowski, Jahrgang 1956, begeht diesen runden Geburtstag. Zu diesem besonderen Anlass fand in den Räumen der Landesärztekammer an der Hanauer Landstraße in Frankfurt ein Symposium statt, das sich einem seiner zentralen Anliegen widmete: der zivil-militärischen Zusammenarbeit (ZMZ). Unter dem Titel „Resilienz – Wo stehen wir heute?“ diskutierten Expertinnen und Experten aus dem Gesundheitswesen, der Politik und der Bundeswehr aktuelle Entwicklungen und die Frage, wie sich das Gesundheitssystem und die Gesellschaft besser auf multiple Krisen vorbereiten lassen.
Resilienz durch Zusammenspiel
Dr. med. Christian Schwark, Vizepräsident der Landesärztekammer Hessen, eröffnete das Symposium und begrüßte Gäste aus Politik, Militär und Gesundheitswesen. In seiner Ansprache würdigte er insbesondere Pinkowskis Engagement für die ZMZ und betonte die Bedeutung einer engen Verzahnung ziviler und militärischer Strukturen, gerade in Krisen- und Katastrophenlagen. Mit Blick auf aktuelle Konflikte und historische Erfahrungen hob Schwark hervor, dass funktionierende Infrastruktur und Logistik entscheidend für Sicherheit und Versorgung seien: „Für die Infrastruktur und unsere Versorgung ist es völlig egal, ob es eine Überschwemmung, ein Stromausfall oder ein Angriff ist – das Ergebnis ist das gleiche.“ Entsprechend stellte er das Symposium unter das Leitmotiv, sich umfassend auf unvorhersehbare Krisen vorzubereiten.
Der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. med. Klaus Reinhardt, würdigte in seinem Grußwort die Veranstaltung als wichtigen Impulsgeber für eines der zentralen Zukunftsthemen im Gesundheitswesen. Er plädierte für einen konsequenten „Allgefahrenansatz“ und eine enge Verzahnung aller Versorgungsbereiche: von Kliniken über den öffentlichen Gesundheitsdienst bis hin zu Hilfsorganisationen. Resilienz entstehe, so Reinhardt, nur durch das Zusammenspiel aller Akteure und durch vorausschauend gestaltete, belastbare Strukturen. In einem späteren Vortrag unterstrich er zudem, dass es zugleich an gesellschaftlichem Bewusstsein für Krisenszenarien fehle, weshalb eine besonnene Kommunikation notwendig sei. Resilienz erfordere neben Strukturreformen auch ein Umdenken hin zu mehr Vorbereitung und Redundanz.
Auch die hessische Gesundheitsministerin Diana Stolz (CDU) hob in ihrem Grußwort Pinkowskis langjähriges berufspolitisches Engagement hervor und betonte dessen Einsatz für die zivil-militärische Zusammenarbeit. Hessen arbeite bereits an belastbaren Strukturen, etwa durch eine intensivere Kooperation mit der Bundeswehr und neue Steuerungsmechanismen in der Krankenhausplanung. Eine verlässliche Gesundheitsversorgung sei dabei nicht nur eine Frage der Infrastruktur, sondern auch eine zentrale Voraussetzung für Vertrauen in Staat und Demokratie, so Stolz.
Dr. med. Günther Matheis, Präsident der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz, griff die Argumente seiner Vorredner auf und ergänzte weitere Aspekte: So seien etwa die Diversifizierung von Lieferketten sowie die Stärkung der Gesundheits- und Krisenkompetenz in der Bevölkerung entscheidend, um die Resilienz nachhaltig zu erhöhen.
Heißer Draht
Der erste Vortrag wählte ein besonderes Format: In einem fiktiven Telefonat diskutierten Generalstabsarzt Dr. med. Johannes Backus und Generaloberstabsarzt Dr. med. Ralf Hoffmann eine zugespitzte Krisenlage. Das Szenario umfasste Sabotageakte, Spionage, Drohnenüberflüge und Cyberangriffe auf Gesundheitseinrichtungen. Der Operationsplan Deutschland (OPLAN), ein nationaler Verteidigungsplan der Bundeswehr, der als Reaktion auf die veränderte Sicherheitslage in Europa erarbeitet wurde, sei bereits aktiviert, der Sanitätsdienst der Bundeswehr in Bewegung. Im Zentrum des Gesprächs stand die enge zivil-militärische Zusammenarbeit, von der Unterstützung verbündeter Truppen über den Aufbau von Kommandostrukturen bis zur Einbindung von Ländern und Hilfsorganisationen. Die Zwischenbilanz fiel gemischt aus: Fortschritte etwa bei Blutversorgung, Lagebildern und Übungen standen noch bestehenden Defiziten bei Bevorratung und Transport gegenüber. Zugleich wurde deutlich, dass im Ernstfall mit deutlich höheren Verwundetenzahlen, Fluchtbewegungen und einer erheblichen Belastung des Gesundheitssystems zu rechnen sei. Anders als in klassischen Katastrophenlagen wäre die Bundeswehr dabei in besonderem Maße auf zivile Unterstützung angewiesen. Zum Abschluss vereinbarten die Gesprächspartner ein kurzfristiges Treffen in Bonn mit weiteren zivilen Akteuren, darunter auch Ärztekammerpräsident Pinkowski. Backus: „Komm am besten mit Edgar nach Bonn, und dann besprechen wir gemeinsam, welche Schritte jetzt notwendig sind, um mit dieser Krise fertig zu werden.“
Balanceakt im System
In seinem anschließenden Vortrag skizzierte Stefan Sydow, Leiter der Abteilung Gesundheit im Hessischen Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege (HMFG) die Krankenhausreform als Balanceakt zwischen Effizienz und Resilienz und ordnete sie in eine umfassende Neuausrichtung des Gesundheitssystems ein. Dabei betonte er, dass Reformen im stationären Bereich, in der Notfallversorgung und im Rettungsdienst nur im Zusammenspiel funktionieren könnten und stärker vernetzt gedacht werden müssten. Zentral sei zudem die Digitalisierung, die künftig über die Leistungsfähigkeit und Krisenfestigkeit der Versorgung entscheide. Hier hänge Deutschland noch anderen Ländern weit hinterher. Ziel sei ein System, das im Alltag effizient arbeite und zugleich auch unter außergewöhnlichen Belastungen stabil bleibe, so Sydow.
Infektionsgeschehen im Krisenfall
Prof. Dr. med. René Gottschalk, ehemaliger Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt, schilderte die infektiologischen und epidemiologischen Risiken in Krisen- und Kriegszeiten. Neben natürlichen Ursachen für Infektionen und Epidemien sei deren Ausbruch in seltenen Fällen auch durch den Menschen ausgelöst, beispielsweise durch Bioterrorismus. Daneben könne auch das Aussetzen von Gesundheitsprogrammen als Gefahrenquelle angesehen werden. So seien laut der Infektionsmathematikerin Brooke Nichols rund eine halbe Millionen Kinder zusätzlich durch die Streichung von USAID durch die Trump-Regierung gestorben. Der Zusammenbruch von Infrastruktur und medizinischer Versorgung begünstige die Ausbreitung von Viren und Bakterien in Kriegsgebieten. Gottschalk erläuterte an Beispielen wie der Ukraine, Gaza und Syrien, welchen Einfluss Krieg auf die Gesundheitsversorgung eines Landes habe. Flüchtlinge stellten für ein aufnehmendes Land meist nur eine geringe Gefahr dar, da auf den Fluchtrouten die Inkubationszeit in der Regel bereits überschritten sei. Solange die Gesundheitsversorgung noch aufrecht erhalten werden könne, ließe sich auch mit Infektionen umgehen.
Akutmedizin und Rehabilitation
Im Folgenden arbeitete Prof. Dr. med. Matthias Münzberg von der BG-Unfallklinik Frankfurt heraus, wie die BG-Kliniken seit 2019 mit der Bundeswehr kooperieren. So gebe es beispielsweise das Extremitätenboard, in dem man komplizierte Fälle bespreche und von der Expertise beider Institutionen profitiere – ähnlich einem Tumorboard. In Deutschland gebe es gerade einmal knapp über 130 Betten in den Verbrennungszentren. Bei einem großen Krieg könnten 1.000 zum Teil Schwerverletzte anfallen, davon geschätzt 10 % mit Verbrennungen. Neben der Vorhaltung von Infrastruktur sei auch die Übung von solchen Szenarien unter verschiedenen Bedingungen erforderlich. Münzberg berichtete beispielsweise von einer Übung der BG Kliniken mit 250 fiktiven Verletzten.
Bei der Betrachtung werde zudem oft vernachlässigt, dass die Patienten nach der Akutbehandlung auch ausreichend Reha brauchen. Gerade die Verzahnung von Akutmedizin und Rehabilitation sei entscheidend, um Menschen wieder zurück ins Leben zu bringen. Nicht zuletzt müsse man sich Gedanken machen, wie man genug medizinisches Material vorhalte, da man in einem Ernstfall aktuell nur wenige Tage durchhalten könne.
Ambulante Versorgung
Über die ambulante Versorgung in Krisen- und Kriegszeiten referierte Dr. med. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Um sich auf einen Ernstfall vorzubereiten, benötige man zunächst ein umfassendes Lagebild. Doch in der ambulanten Versorgung fehle ein solches bisher. Die dezentrale Organisation der Praxen mache das System bundesweit zwar sehr resilient, doch gebe es bisher keine flächendeckende ZMZ im ambulanten Sektor. Zwar lägen viele Daten zur ambulanten Versorgung vor, doch verhinderten eine fehlende gesetzliche Grundlage und der strenge Datenschutz eine sinnvolle Zusammenführung. Anzustreben sei ein System, dass in Echtzeit Daten liefere über Personalauslastung, Ausstattung oder Aufgabengebiet der Praxen, um so beispielsweise in einem Krisenfall Flüchtlinge zu koordinieren und in die passenden Regionen zu schicken.
Blutversorgung in der Krise
Oberstarzt Dr. med. Diana Sauer vom Sanitätsdienst der Bundeswehr hob die zentrale Bedeutung einer funktionierenden Blutversorgung für die Krisen- und Kriegsmedizin hervor und zeigte, dass Verbluten eine der häufigsten vermeidbaren Todesursachen bei schweren Verletzungen sei. Eine frühzeitige und logistisch effiziente Hämotherapie, insbesondere durch den Einsatz von Vollblut und Trockenplasma, könne entscheidend zur Senkung der Mortalität beitragen. Gleichzeitig verwies sie auf erhebliche strukturelle Herausforderungen: Bereits im Normalbetrieb sei die Versorgungslage angespannt, in Krisenszenarien drohten massive Engpässe bei gleichzeitig enorm steigendem Bedarf. Neben medizinischen Aspekten rückte der Vortrag vor allem logistische und organisatorische Fragen in den Fokus. Dazu zählen die internationale Interoperabilität, der grenzüberschreitende Austausch von Blutprodukten sowie der Aufbau strategischer Reserven mit lang haltbaren Produkten. Auch kurzfristige Lösungen wie Notfallspenden vor Ort, digitale Spendergewinnung und alternative Transportwege wurden thematisiert. Insgesamt wurde deutlich, dass eine resiliente Blutversorgung nur durch vorausschauende Planung, internationale Kooperation und ein eng verzahntes Zusammenspiel erreicht werden kann.
Umsetzung in Hessen
Ministerialdirigent Dr. Tobias Bräunlein vom Hessischen Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz setzte im Vortrag einen besonderen Fokus auf die praktische Umsetzung von Resilienz: Hessen bündele bestehende Maßnahmen in einer eigenen Resilienzstrategie, identifiziere systematisch Schwachstellen und entwickele darauf aufbauend konkrete Handlungspläne. Dazu gehörten unter anderem Übungen, kommunale Programme wie „Kompass Resilienz“ sowie der Ausbau von Bevölkerungsschutz und Selbsthilfekompetenzen. Gleichzeitig betonte Bräunlein, dass funktionierende Versorgungsstrukturen, etwa das Zusammenspiel von ambulanter und stationärer Versorgung, nur durch konsequente Vernetzung entlang der gesamten Versorgungskette gewährleistet werden können. Darüber hinaus unterstrich er im Vortrag die Bedeutung kritischer Infrastrukturen (KRITIS) und ihrer wechselseitigen Abhängigkeiten.
Besondere Rolle des Ehrenamts
Markus Bensmann, Bereichsleiter Notfallvorsorge der Malteser in Deutschland, betonte die zentrale Rolle von Hilfsorganisationen wie der Malteser im Bevölkerungsschutz und in der Gesamtverteidigung. Ihre Aufgabe reiche von klassischem Zivilschutz über Gesundheitsversorgung bis hin zur Unterstützung der Bundeswehr. Gleichzeitig werde deutlich, dass dafür eine hohe organisatorische, personelle und logistische Resilienz notwendig sei: Sowohl innerhalb der Organisation als auch in der Zusammenarbeit mit staatlichen und militärischen Akteuren. Besonderes Augenmerk liege auf der Weiterentwicklung von Krisenmanagementstrukturen, der Skalierbarkeit von Leistungen und der Stärkung von Personal und Ehrenamt. Herausforderungen bestünden vor allem bei rechtlichen Rahmenbedingungen, der langfristigen Verfügbarkeit von Helfern (die beispielsweise in mehreren Organisationen parallel ehrenamtlich engagiert sein können) und der Einbindung von Bevölkerung und privatem Sektor wie etwa Unternehmen.
Eigenverantwortung von Bürgern
Peter Beuth, Staatsminister a. D, sagte im abschließenden Vortrag, dass staatliches Handeln allein nicht ausreiche: Eigenverantwortung von Bürgern, Unternehmen und Institutionen sei entscheidend, da der Staat im Ernstfall nicht überall gleichzeitig helfen könne. Letztlich erfordere Resilienz nicht nur Ressourcen, sondern vor allem ein verändertes Mindset und mehr Bewusstsein in der Bevölkerung. Diese Anstrengung lohne sich, weil sie dem Erhalt unserer freiheitlichen Gesellschaft diene.
Pinkowski dankte zum Abschluss des Symposiums allen für die Organisation, Geschenke und lehrreichen Beiträge. Er betonte noch einmal die Bedeutung des Datums: am 17. Juni war der Volksaufstand in der DDR im Jahr 1953, ein Symbol für das „Eintreten für die Freiheit“, so Pinkowski. Er unterstrich zudem anhand seines eigenen Lebenslaufs, welchen Wandel es hinsichtlich der zivil-militärischen Zusammenarbeit gebe.
Das Symposium endete bei gemeinsamen Gesprächen und der musikalischen Begleitung des Duos „Double Tree“ auf der Terrasse der Landesärztekammer Hessen.
Lukas Reus
















