In der Zeit des Nationalsozialismus waren behinderte und psychisch kranke Menschen umfangreichen Verfolgungs- und Vernichtungsmaßnahmen ausgesetzt. Über 400.000 Männer und Frauen wurden ab 1934 gegen ihren Willen sterilisiert, mehr als 300.000 Menschen zwischen 1939 und 1945 als „lebensunwert“ im Rahmen der nationalsozialistischen „Eu­thanasie“-Verbrechen ermordet. Zu den Verfolgten zählten nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und Jugendliche. An ihr Leiden und Sterben erinnert die Wanderausstellung „Im Gedenken der Kinder“, welche 2010 im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) konzipiert worden ist. Die Ausstellung benennt die Täter und dokumentiert die Strukturen, die die Verbrechen der sogenannten „Kindereuthanasie“ möglich gemacht haben. Gleichzeitig werden Einzelschicksale vorgestellt, um an die Opfer zu erinnern.

Der Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) wird die Ausstellung vom 1. Oktober bis 13. November 2026 an seinem Hauptsitz im Kasseler Ständehaus präsentieren. Kooperationspartner sind u. a. die Stadt Kassel, die Universität Kassel und die Landesärztekammer Hessen. Führungen durch die Ausstellung sind auf Anfrage buchbar. Ein besonderes Programm gibt es für Schulklassen ab Jahrgangsstufe 9.

Landeswohlfahrtsverband Hessen, Ständehaus Kassel, Ständeplatz 6–10, 34117 Kassel, Montag bis Donnerstag: 10–16 Uhr, Freitag: 10–14 Uhr, Eintritt frei

Programm im Ständesaal

1. Oktober 2026 um 19 Uhr:

Eröffnung und Einführungsvortrag von Prof. Dr. Maike Rotzoll (Marburg) über „Kinder als Opfer der Patient:innenmorde im Nationalsozialismus“

Zum Auftakt der Ausstellung „Im Gedenken der Kinder“ der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in Kassel gibt die Medizinhistorikerin Maike Rotzoll einen Überblick über Kinder als Opfer der „Euthanasie“-Verbrechen. Im Vordergrund steht dabei die sogenannte „Kindereuthanasie“, geplant und durchgeführt von dem „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“, die aufgrund der Beteiligung von Kinderärzten in der Ausstellung intensiv vorgestellt wird. Doch auch im Rahmen der vorwiegend gegen psychiatrische Anstaltspatient:innen gerichteten „Aktion T4“ und der dezentralen „Euthanasie“ wurden zahlreiche Minderjährige ermordet. Abschließend geht der Vortrag auf Forschung im Kontext der „Kindereuthanasie“ ein.

14. Oktober 2026 um 19 Uhr:

Prof. Dr. Petra Fuchs (Berlin) mit dem Thema „Kinder mit Behinderungen in der NS-Zeit: Objekte ableistischer Medizin – Subjekte ableismuskritischen Gedenkens“

Der Vortrag beleuchtet, wie Kinder mit Behinderungen in der NS-Zeit durch eine ableistisch geprägte Medizin zu Objekten der Forschung gemacht wurden. Im Zentrum steht die Rekonstruktion ihrer Perspektiven und Lebensrealitäten, die durch wissenschaftliche Denkweisen sowie durch administrative, diagnostische und experimentelle Routinen systematisch entwertet und ausgelöscht wurden. Aus einer ableismuskritischen Haltung heraus werden die Kinder als Subjekte und Individuen erinnert, deren individuelle Würde und Geschichte im Gedenken sichtbar bleiben müssen.

28.10.2026 um 19 Uhr:

Lisa Caspari (Gedenkstätte Hadamar) zur „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – die Geschichte der „Kinderfachabteilung“ Kalmenhof und die Entwicklung eines Gedenk- und Lernortes“

In der Heilerziehungsanstalt Kalmenhof in Idstein starben zwischen 1939 bis 1945 über 700 Menschen. Darunter viele Kinder und Jugendliche, die im Zuge der nationalsozialistischen „Kindereuthanasie“ ermordet wurden. Haupttatort war das damalige Krankenhausgebäude. Als Ort der medizinischen Behandlung gebaut, entwickelte es sich nach Kriegsbeginn zu dessen Gegenteil. Es wurde zum Dreh- und Angelpunkt der „Euthanasie“-Verbrechen auf dem Kalmenhof, zu einem Ort, an dem die nationalsozialistische Idee der Bewertung eines Menschenlebens anhand seiner Leistungsfähigkeit radikal umgesetzt wurde.

Heute entsteht auf dem Gelände rund um und im Krankenhausgebäude ein neuer Gedenk- und Lernort, der zukünftig an die Verfolgten und Ermordeten der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen in Idstein erinnern soll.

11.11.2026 um 19 Uhr:

Prof. Dr. Jan Erik Schulte (Gedenkstätte Hadamar) zum Thema „Von der ‚Euthanasie‘ zum Holocaust? – Brüche und Kontinuitäten; zum Verhältnis zweier nationalsozialistischer Massenverbrechen“

Die „Euthanasie“ und der Mord an den europäischen Juden gehören zu den zentralen NS-Massenverbrechen. Der Vortrag hinterfragt, ob und inwieweit diese Großverbrechen miteinander verbunden waren, wann es gemeinsame oder parallele Radikalisierungsschübe gab, welche Institutionen die Verbrechen durchführten, wer die Opfer und wer die Täter und Täterinnen waren.

Im Anschluss an alle Veranstaltungen laden die Veranstalter ein zum Austausch und gemeinsamen Ausstellungsbesuch (barrierefrei).