Sicher erwarten Sie nun, dass ich in den vielstimmigen Chor der Kritiker einstimme, die kein gutes Haar am kürzlich veröffentlichten Bericht der Finanzkommission Gesundheit lassen. 66 Maßnahmen listet der Bericht, von denen man mit Sicherheit über jede einzelne trefflich streiten kann. Ohne die einzelnen Vorschläge hier detailliert zu bewerten, lässt sich doch festhalten, dass die Kommission keine Seite verschont. Um unser Gesundheitssystem zu konsolidieren, werden auch alle Seiten ihren Beitrag leisten müssen. Kurzfristige Maßnahmen halte ich für unvermeidbar, um genügend Luft für die Planung und Umsetzung grundlegender Reformen zu gewinnen. Ein System, das im vergangenen Jahr Schätzungen des Bundesamts für Statistik zufolge 597,5 Milliarden Euro ausgegeben hat, kann mit Sicherheit so nicht weitergeführt werden. Allein der Anteil der Gesetzlichen Krankenversicherung lag im Jahr 2024 bei 300,8 Milliarden Euro. Staat und Gesellschaft, aber auch jede einzelne Bürgerin und jeder einzelne Bürger sind hier gefordert. Neben konkreten Einsparungen gehören dazu natürlich Maßnahmen, die erst in einigen Jahren Früchte tragen werden. Prävention muss selbstverständlich eine dieser Maßnahmen sein. Präsidiumskollege Dr. Lars Bodammer hat mit seiner Aussage, dass wir diesbezüglich als Medizinerinnen und Mediziner im Sinne einer wissenschaftlich basierten Aufklärung Einfluss auf Politik und Gesellschaft nehmen sollten (siehe S. 254) vollkommen recht, zumal das Robert-Koch-Institut gerade berichtete, dass 81 % der Erwachsenen in Deutschland eine geringe Gesundheitskompetenz haben. Die höchste Gesundheitskompetenz fand sich – wenig überraschend – bei den Erwachsenen mit dem höchsten Bildungsstand. Geringe Gesundheitskompetenz ist jedoch mit höheren Versorgungsbedarfen und ungünstigem Gesundheitsverhalten assoziiert. Die Forschenden wiesen daher auf einen erheblichen Handlungsbedarf zur Förderung von Gesundheitskompetenz hin, der nicht nur auf individuelle Fähigkeiten setzen sollte, sondern auch auf die Gestaltung von Angeboten und Strukturen zielen sollte, mit denen gesundheitskompetentes Handeln ermöglicht wird. Handeln tut also not und so müssen wir endlich vom Reagieren zum Agieren kommen. Nicht jede Krankheit und nicht jeder Unfall sind vermeidbar, das ist völlig klar. Doch wir alle können viel mehr tun als es gegenwärtig der Fall ist.

Dazu gehört auch zu Lebzeiten, das Einverständnis für eine Organspende zu geben. Am 11. März war ich Gastgeber eines Pressegesprächs mit Vertreterinnen und Vertretern aus Medizin und Politik gemeinsam mit Betroffenen. Dabei stand die Situation der Angehörigen von postmortalen Organspendern im Mittelpunkt. Neben dem Dank an alle Mitarbeitenden, die sich in den Kliniken für die Organspende einsetzen, galt der Dank selbstredend besonders den Organspendern und ihren Familien. Vielen Empfängerinnen und Empfängern eines Organs ist es ein tief empfundener Wunsch, diesen Familien ihren Dank auszudrücken. Es gibt die Möglichkeit, diesen Dank in Worte zu fassen und einen Brief zu schreiben, der den Familien der Organspender in anonymisierter Form zugestellt wird. Einen Einblick dazu bietet die Website www.dankesbriefe-organspende.de. Sascha Brandhorst, der eine Lunge erhalten hat, schrieb einen solchen Brief. Lea Jantschke wiederum hatte einer Organspende bei ihrer verstorbenen Mutter zugestimmt und berichtete, wie sie die Situation erlebt hatte und was sie bis heute bewegt. Sie erhielt den Dankesbrief eines Nierenempfängers und schilderte, wie wichtig es für sie war, zu erfahren, welche Auswirkung ihre Entscheidung hatte. Obwohl ich als Anästhesist über mehrere Jahrzehnte ärztlicher Berufserfahrung verfüge und viele Grenzsituationen erlebt habe, war diese Veranstaltung für mich keineswegs eine Routineangelegenheit, sondern berührte mich sehr tief. Der Blick in die Augen der anderen Teilnehmenden, ob ärztliche Kolleginnen und Kollegen oder Journalistinnen und Journalisten, zeigte, dass auch sie alle tief bewegt waren. Ich kann der Staatssekretärin im hessischen Gesundheitsministerium Dr. Sonja Optendrenk nur beipflichten, dass sich die Diskussion eigentlich um das Leben und nicht um den Tod drehe. Schon vor Jahren habe ich vorgeschlagen, dass Transplantationsbeauftragte besser Organspendebeauftragte heißen sollten und zwar im Sinne von Lebensbeauftragte. Daran musste ich auch wieder denken, als ich die erste Osterbotschaft des neuen Papstes Leo XIV hörte: „Ostern ist ein Sieg: der Sieg des Lebens über den Tod, des Lichts über die Finsternis, der Liebe über den Hass.“ Auch eine Organspende ist ein kleines Fest der Auferstehung. Deshalb werbe ich unermüdlich für die Widerspruchslösung. Das bisherige Organregister sollte daher in ein Widerspruchsregister umgewandelt werden. Ein einzelner Organspender kann bis zu sieben Leben retten. Gerade in so bewegten Zeiten, wie wir sie jetzt erleben, ist das ein Symbol der Hoffnung.

Dr. med. Edgar Pinkowski, Präsident