Der Artikel wurde auf Anfrage der Redaktion für das Hessische Ärzteblatt verfasst.
Warum erscheint gerade jetzt dieser Artikel über die die Schließung des Seminars für Geschichte der Medizin an der Goethe-Universität im Jahre 1933? Gerade in Zeiten eines wachsenden rechten Populismus, Antisemitismus und gezielter Falschinformationen ist es umso wichtiger, angehende Ärztinnen und Ärzte für die Geschichte und ethische Fragen zu sensibilisieren. Dies wird in den Approbationsordnungen für Ärzte und Zahnärzte ausdrücklich gefordert.
Im Falle der 1914 neu gegründeten Goethe-Universität geht die Geschichte des heutigen Dr. Senckenbergischen Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin bis in das Jahr 1916 zurück. In diesem Jahr hielt der jüdische Internist Prof. Dr. med. Richard Koch (1882–1949) erstmals Vorlesungen über die Geschichte der Medizin und über die „philosophischen Grundlagen der Medizin“.
In Anerkennung dieser Tätigkeit wurde er 1926 zum „nichtbeamteten außerordentlichen Professor“ ernannt. Auf Kochs Initiative hin wurde das „Seminar für Geschichte der Medizin“ gegründet, zu dessen Leiter er 1927 ernannt wurde. Neben seiner Lehrtätigkeit war er weiterhin in Frankfurt als Hausarzt tätig, unter anderem behandelte er seit 1921 den an einer schweren neurologischen Erkrankung leidenden jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig (1886–1929).
Der medizinischen Fakultät gelang es 1924, die Bibliothek des bedeutenden Berliner „Spezialarztes für Haut- und Sexualleiden“ Dr. Iwan Bloch (1872–1922) zu erwerben. Dieser Büchernachlass bildet die Keimzelle der heutigen Institutsbibliothek des Dr. Senckenbergischen Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, die über 70.000 Bände umfasst und die umfangreichste Spezialbibliothek zur Geschichte und Ethik der Medizin in Deutschland darstellt. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal dieses Institutes.
Entlassungen nach Machtergreifung
Bereits wenige Wochen nach der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten (1933) wurde der aus einer jüdischen Familie stammende Prof. Koch als Leiter des medizinhistorischen Seminars zunächst „beurlaubt“, dann „entlassen“, wie die offizielle Sprachregelung damals lautete. Nach außen hin wurden diese Entlassungen der jüdischen Mitarbeitenden der Universität teilweise auch mit der „Preußischen Sparverordnung vom 12.9.1931“ begründet. Die „Beurlaubung“ des aus einer jüdischen Familie stammenden Kochs erfolgte jedenfalls aus „rassischen Gründen“, wie sich aus den internen Schriftwechseln der Universität mit dem Berliner Kultusministerium eindeutig ergibt.
Gleichzeitig plante man, die durch die Entlassungen frei werdenden Planstellen, Gelder und Räumlichkeiten anderen Instituten zuzuteilen, die dem damaligen Zeitgeist besser entsprachen als die Geschichte und die philosophischen Grundlagen der Medizin. Der Dekan und die Lehrstuhlinhaber der Frankfurter medizinischen Fakultät glaubten damals, auf diese Fächer in ihrem Bereich ganz verzichten zu können, da diese – im Gegensatz zu heute – noch nicht in der Prüfungsordnung als Studieninhalte verbindlich vorgeschrieben waren.
1935 wurde das medizinhistorische Seminar aufgelöst, nachdem der im Juni 1933 auf Vorschlag Kochs von der Fakultät zum kommissarischen Leiter („Stellvertreter“) des Seminars für Geschichte der Medizin ernannte, bereits emeritierte Orthopädieprofessor Karl Ludloff (1864–1945), endgültig in den Ruhestand getreten war. Gleichzeitig wurde 1934/35 auf Antrag der medizinischen Fakultät an das „Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung” ein „Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene” eingerichtet. Als Direktor wurde von der Fakultät Prof. Dr. med. Otmar Freiherr von Verschuer (1896–1969) vorgeschlagen, seinerzeit international bekannt wegen seiner Forschungen an Zwillingen. 1935 erfolgte dann die Ernennung dieses Rassenhygienikers zum ordentlichen Professor der J. W. Goethe-Universität und zum Institutsdirektor. Dem neuen Institut wurden vergleichsweise luxuriös 58 (!) Räume im II. Stock des „Hauses der Volksgesundheit“ (auch „AOK-Gebäude” genannt) am südlichen Mainufer (seinerzeit Gartenstraße 140; späteres „AEG-Hochhaus“) zur Verfügung gestellt.
Einer der Assistenten Verschuers war Dr. phil. Dr. med. Josef Mengele (1911–1979), der 1938 am Institut mit einer Arbeit über „Sippenuntersuchungen der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte” zum Dr. med. promoviert wurde. Mengele war 1937–1940 als Doktorand bzw. als Assistent am Institut tätig, bevor er als Reservist zur Wehrmacht eingezogen wurde und später zur SS wechselte. Er wurde noch bis 1945 als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität geführt.
1943–1945 war er „SS-Hauptsturmführer der Reserve” beim „SS-Standortarzt” des KZ Auschwitz. Nach dem Krieg wurde er aufgrund seiner dort begangenen Verbrechen per Haftbefehl wegen „vollendeten und versuchten Mordes … aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch und grausam” gesucht; er hatte sich aber bereits nach Südamerika abgesetzt und verstarb dort 1979.
Richard Koch sah sich 1936 zur Emigration gezwungen und gelangte 1937 über Belgien in die Sowjetunion, wo er mit seiner über 5.000 Bände umfassenden Privatbibliothek 1937 eintraf. Er starb 1949 in Jessentuki im Kaukasus, nachdem er dort „an Einsamkeit, Hunger, Holzmangel, Kälte und Läusen“ gelitten hatte. Verbittert schrieb Koch 1946: „Von Ethik, Moral, Sittlichkeit, Religion, Frömmigkeit, Schuld und Kriminalistik versteht nur etwas, der wie der Schreiber dieser Zeilen in viel späterer Zeit den Hunger am eigenen Leib kennengelernt hat. Alle anderen sind, sie mögen noch so rechtschaffen, geistvoll und gelehrt sein, Dilettanten und nicht zuständig in diesen Fragen, um mitsprechen zu können…“.
Währenddessen stellte der auch medizinhistorisch publizierende Frankfurter Arzt Dr. med. August de Bary (1874–1954) als Vorsitzender der Administration der Dr. Senckenbergischen Stiftung der Universität erhebliche Stiftungsgelder zur Wiederbesetzung eines medizinhistorischen Lehrauftrages zur Verfügung.
Der Frankfurter Arzt Dr. med. Johann Christian Senckenberg (1707–1772), der Begründer der heute noch bestehenden Frankfurter Stiftung, hatte in seinen Kommentaren zum Stiftungsbrief seine letzten Wünsche und Ziele erläutert. Unter anderem fand sich in Senckenbergs handschriftlichen Erläuterungen der Hinweis, dass besonders auch die Erforschung der Geschichte der Medizin in Frankfurt von seiner Stiftung zukünftig zu fördern sei („Primo Historia Medicinae Francofurtensis“). Dieses Vermächtnis wurde 1938 erfüllt. Aus politischen Gründen wurde das Wirken Kochs nicht erwähnt und nur von einer „Neuerrichtung“, nicht aber korrekterweise von einer Wiederbesetzung des Lehrauftrages gesprochen. Die Besetzung des Institutsleiters, der wie Koch nur als „Lehrbeauftragter“ und nicht als ordentlicher Professor eingeplant war, machte allerdings Schwierigkeiten, da keiner der wenigen in Frage kommenden (aus Sicht der Nationalsozialisten) „erzkonservativen“ Medizinhistoriker seinerzeit Mitglied der NSDAP war. Die Wahl fiel 1938 auf Dr. med. dent. Dr. med. habil. Dr. phil. Walter Artelt, der zu dieser Zeit Privatdozent am Berliner medizinhistorischen Institut war. 1942 trat Artelt dann der NSDAP bei, um eine Chance bei der Berufung auf den Berliner Lehrstuhl seines früheren Chefs Diepgen zu haben, den er aber trotzdem nicht erhielt (sondern ein SS-Hauptsturmführer). Wegen dieser Mitgliedschaft wurde er 1946 vorübergehend aus den Diensten der Frankfurter Universität entlassen, dann aber 1948 als Leiter des „Senckenbergischen Instituts für Geschichte der Medizin“ wieder eingesetzt, da er im Spruchkammerverfahren nur als „Mitläufer“ eingestuft worden war.
Aufarbeitung der Historie
Heute sind Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin fester Bestandteil der Approbationsordnungen für Ärzte und für Zahnärzte und Zahnärztinnen und damit integraler Bestandteil der Ausbildung von Medizinstudierenden. Die seit 2004 „Dr. Senckenbergisches Institut für Geschichte und Ethik“ genannte Einrichtung hat bis heute, insbesondere durch die Forschungen seiner früheren Direktoren Prof. Dr. med. Helmut Siefert (1939–2012) und Prof. Dr. med. Dr. phil. Udo Benzenhöfer (1957–2021) wichtige Beiträge zur Aufarbeitung der Geschichte der Frankfurter medizinischen Fakultät während des Nationalsozialismus geliefert. Noch erhaltene Akten aus der NS-Zeit wurden im Archiv des Instituts gesammelt und ausgewertet, darunter auch die Glasdiasammlung (über 2.000 Stück aus der Zeit vor 1945) aus dem Nachlass des Rassenhygienikers von Verschuer.
Geschichte und Ethik in der Medizin spielen heute eine zunehmend größere Rolle in den medizinischen Fachbereichen durch ihre enge Verzahnung mit klinischen Fächern. Deshalb gibt es seit den 1960er-Jahren an jedem größeren Fachbereich für Medizin einen Lehrstuhl für diese Fächer. Ein vergleichbares medizinethisches Institut ist deshalb gerade an der Universität Marburg eröffnet worden.
Dass die medizinhistorische und medizinethische Forschung in diesem Bereich auch in Bezug auf die Goethe-Universität noch nicht abgeschlossen ist, zeigte jüngst die Diskussion um die Umbenennung des nach dem Frankfurter Internisten Prof. Dr. med. Franz Volhard (1872–1950) benannten Hörsaales.
Mögen in der Zukunft nicht wieder Bestrebungen aufkommen, wegen kurzfristiger politischer oder insbesondere ökonomischer Interessen Institute zu schließen, die wichtig sind, durch eine kritische Betrachtung der Vergangenheit mitzuhelfen, den rechten Standpunkt in der Gegenwart zu finden.
Prof. Dr. med. Michael Sachs, Kommissarischer Leiter Dr. Senckenbergisches Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Universitätsmedizin Goethe-Universität Frankfurt, Paul-Ehrlich-Str. 20–22, 60590 Frankfurt am Main




