„Jedes Mal, wenn ich einen Erwachsenen auf einem Fahrrad sehe, verzweifle ich nicht mehr an der Zukunft der Menschheit.“ gab, zugegeben etwas bedeutungsschwer, einst H. G. Wells zum Besten, ergriffen von einer akuten Episode Weltschmerz. Was Wells damals intuitiv spürte, verdichtet sich in aktueller und zurückliegender Studienlage – ganz in Tradition der Gründerväter kardiovaskulärer Präventionsforschung.
Wenn wir ehrlich sind, könnten auch wir Ärzte für die Strecke zur Praxis oder Klinik häufiger das Fahrrad nehmen. Practise what you preach – tue selbst, was du anderen predigst, würde uns der Brite ermahnen. Neben der Förderung der körperlichen Fitness und damit einhergehendem Training des kardiovaskulären Systems wirkt sich Radfahren nämlich auch positiv auf das psychische Wohlbefinden und sogar das Immunsystem aus [1].
Bereits zehn Minuten moderates Radfahren verbrennen außerdem ca. 97 Kalorien. Studien und Metaanalysen postulieren zudem einen eindeutigen lebenszeitverlängernden Effekt des Radfahrens. In einer niederländischen Studie mit 50.000 Teilnehmern wurde bei einem Radfahren von 75 Minuten pro Woche eine Lebenszeitverlängerung um etwa sechs Monate kalkuliert [2]. Eine Forschergruppe aus Dänemark berechnete eine Erhöhung der Lebenserwartung bei einem Ersatz kurzer Autofahrten durch das Rad um drei bis 14 Monate [3].
Zur Beantwortung der Frage, welche Pendler gesünder leben, ob Auto- oder Radfahrer, betrachtete eine Forschergruppe des Imperial College London Zensusdaten von 300.000 Personen aus Wales und England. Die Ergebnisse wurden 2020 im Lancet Planet Health publiziert und zeigten, dass Autofahren die ungesündeste Art des Pendelns ist. Das Pendeln mit dem Fahrrad ist mit einem um 20 % geringerem Mortalitätsrisiko, einem um 24 % geringerem Mortalitätsrisiko für Herzkreislauferkrankungen und einem 11 % niedrigem Risiko für Krebserkrankungen assoziiert [4]. E-Bikes (Pedelec) erreichten diese Effekte zwar nicht in diesem Ausmaß, stellen aber für Pendler dennoch eine wesentlich gesündere Alternative zum Autofahren dar [5].
Diese Studienergebnisse stehen in der gleichen Tradition wie die damals bahnbrechende Vergleichsstudie von Jerry Morris, der trotz mangelnder Forschungsmittel im Nachkriegsengland eine der wichtigsten kardiovaskulären Erkenntnisse publizierte. Er verglich die immer sitzenden Fahrer der Londoner Doppeldeckerbusse mit den immer laufenden Schaffnern der gleichen Busse und konnte so erstmalig, auf großer Datenbasis fußend, den wichtigen Effekt von Bewegung auf das kardiovaskuläre Risiko aufzeigen.
Als Ärztinnen und Ärzte sollten wir deshalb versuchen, präventiv uns selbst und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Radfahren zu motivieren – und vielleicht auch ein bisschen Vorbild sein.
Dr. med. Cornelius Weiß, Dr. med. Andreas Hoheisel
Die Literatur finden Sie hier.
Die Landesärztekammer Hessen beteiligt sich 2026 zum zweiten Mal mit einer großen Mitarbeitergruppe am „Stadtradeln“ (www.stadtradeln.de). Organisiert wird dies vom Arbeitskreis Gesundheit der LÄKH.

