Hardcore-Gaming, eine verhinderte Influencerin, das obskure Objekt der Begierde, eine Love-Affaire im virtuellen Raum und massive „Dating-Katastrophe“ – das sind die Fallgeschichten, mit denen der Autor uns als Psychotherapeuten in sein Thema hereinzieht. Der Gamer lebt in seiner Parallelwelt von Projektionen und „suitable targets“ (Volkan) in den Games, steckt fest in Adoleszenz, Regression und Sucht. Die Möchtegern-Influencerin hat an der „Tinderakademie“ studiert, ist laufend am Posten und hat sich eine digitale Parallelwelt in den sozialen Medien aufgebaut. Die Love Affair der adoleszenten Tochter mit dem entfernt lebenden geschiedenen Vater ist virtuell und projektiv, „lebt“ nur in der digitalen, nicht in der wirklichen Welt. Und die Dating-Katastrophen der geschilderten „Intensivdater“ nehmen ihren Anfang in der digitalen Welt, bis sie sich dann in der Wirklichkeit zu Katastrophen entwickeln.

Bemerkenswert ist, dass der Autor diese Patienten aus der Welt der „Digital Natives“, nicht rasch und vorschnell stigmatisiert und pathologisiert. Vielmehr geht er stets neugierig und mit großer Kenntnis der digitalen Welt und ihrer Entwicklung als den relevanten Kontext heran, in dem sie ihre Eigenarten entwickelt haben. Er zeigt sich als einfühlsamer Therapeut und hochinteressierter Forscher in einem.

Es folgt eine weitere Fallgeschichte, aber ganz anderer Art: die des Mark Zuckerberg und seines Imperiums von Facebook und Meta. Hier wird aber nicht das Lied vom Entwickler eines digitalen Imperiums gesungen, mit Bewunderung und Skepsis, wie so oft. Vielmehr öffnet sich durch die Falldarstellung der Blick auf seine delinquent-pathologische Seite. Der Gründer überschreitet von Anfang an Grenzen der Anderen, ihrer Eigentumsrechte, ihrer Persönlichkeitsrechte. Er eignet sich an, was ihm technisch möglich ist, ohne rechtliche Schranken einzuhalten, so Gaertners These, und das bis heute.

Eine notgedrungen knappe Rezension des sehr komplexen und vielschichtigen Buches muss neben den Fallgeschichten noch andere beeindruckende und spannende Teile zumindest benennen: unsere eigene Mitwirkung in diesem Universum und das (unser?) „digital formatierte Selbst“, die „Seele“ im digitalen Zeitalter, die Verknüpfung der Entwicklung der digitalen Welt und der sozialen Medien hin zu großen internationalen Konzernen und deren politischer und finanzieller Macht, Gaertners Kritik an der Stagnation der institutionalisierten Psychoanalyse und schließlich die abschließende Frage: Was tun? Dazu macht der Autor vier Vorschläge. Mangels Platzes hier nur der Tipp: einfach selbst lesen!

Prof. Dr. Michael Wolf