Dieses Buch hat mich begeistert und gelassener gemacht. Hein de Haas, ein niederländischer Soziologe und Migrationsforscher, Professor an den Universitäten Maastricht und Amsterdam, hat selbst vor Ort in Marokko Feldforschung betrieben. Er belegt anhand von 22 häufig kolportierten Annahmen, dass zentrale Thesen wie „Das Migrationsaufkommen ist so hoch wie nie“, „Die Klimakrise führt unweigerlich zu Massenmigration“ oder „Wohlstand im Herkunftsland mindert Auswanderung“ meist nicht auf Fakten, sondern auf Missverständnissen und politischen Narrativen beruhen.
Das Buch basiert auf jahrzehntelanger Durchdringung des Phänomens Migration und plädiert für eine differenzierte, faktenbasierte Debatte abseits von politischer Panikmache und naivem Optimismus. Hein de Haas greift nicht auf Einzelstatistiken, sondern auf breite Datenlagen und interdisziplinäre Befunde zurück, die regelmäßig durch quellenkritische und kontextualisierte Vergleiche ergänzt werden.
Für mich das beste Sachbuch, das ich in jüngster Zeit gelesen habe: sehr informativ, flüssig und spannend geschrieben, klar gegliedert, immer fundiert. Ein Irrtum, den de Haas aufklärt, betrifft eine Story, die ich selbst geglaubt und verbreitet habe: Angeblich gebe es mehr malawische Ärzte in Großbritannien als in Malawi selbst. Gut nachvollziehbar klärt de Haas auf, dass bis Anfang der 1990er-Jahre in Malawi kein Medizinstudium möglich war. Seit Gründung einer medizinischen Fakultät in Malawi vor über 30 Jahren arbeiten in diesem Land weit mehr malawische Ärzte als anderswo in der Welt. Das Narrativ, das Migration das intellektuelle Potenzial armer Staaten aushöhle, werde jedoch weiterhin durch derartige anachronistische Irrtümer befeuert.
Nach der Lektüre bleibt die Frage, wer ein Interesse daran hat, natürliche Grundängste vor dem Fremden, z. B. vor Migration anzuheizen – wo Migration doch vollkommen normal ist in der Geschichte der Menschheit. In jedem Fall: Besinnung auf die Fakten ist immer ein kluger Schritt. Hein de Haas erleichtert ihn.
Prof. Dr. med. Dr. phil. Dipl.-Psych. Martin Hambrecht, Darmstadt

