Wir leben in einer Zeit, in der wir nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, des Wiederaufbaus und nicht zuletzt der deutschen Wiedervereinigung zumindest in unserem Land in Frieden und dem Gefühl leben konnten, dass es eigentlich nur bergauf gehen kann. Deutschland ist trotz seiner vergleichsweisen geringen Größe regelhaft die viert- oder drittstärkste Wirtschaftsnation der Welt. Deutsche Produkte sind hoch angesehen in aller Welt. Auch das deutsche Gesundheitswesen wird immer wieder bewundert. Und dann kommen die Krisen, eine Pandemie mit einem fast kompletten Stillstand des öffentlichen Lebens, ein Angriffskrieg in unmittelbarer Nachbarschaft, nicht auf anderen Kontinenten, wo wir sie unkompliziert ignorieren können. Es tritt immer mehr zutage, dass die Infrastruktur in Deutschland, Bahn und Bahnstrecken, Straßen, Kanalisation, aber auch die Krankenhausinfrastruktur jahrzehntelang vernachlässigt wurden. Die Überschwemmung im Ahrtal, der Stromausfall in Berlin zeigen uns, dass auch hierzulande nicht alles sicher ist. Und das wird wie auch in den meisten anderen Ländern dieser Welt ausgenutzt, um Stimmung zu machen für Ideen, die weniger die tatsächliche Lösung von Problemen zum Ziel haben, sondern vielmehr, um Macht zu erlangen um der Macht selbst willen oder aber um kleine Zirkel von Interessengruppen zu bedienen. Das ist im Falle des wissenschaftlich unstrittigen Klimawandels und den zu ergreifenden Maßnahmen nicht weniger dramatisch als in Fragen der Daseinsvorsorge und insbesondere der Reformierung des Gesundheitswesens.
„Alle zusammen können so gut wie alles erreichen!“
Es ist erschreckend, wenn in solchen Zeiten politische Strömungen mehr und mehr Erfolg haben, die auf Spaltung von Gesellschaften und eine immer kleinteiligere Abgrenzung von Bevölkerungsgruppen drängen. Die Menschheit als Lebensform ist erfolgreich, weil Menschen arbeitsteilig und mit gemeinsamen Zielen erfolgreich zusammenarbeiten. Der Mensch ist allein nicht überlebensfähig. Sein Nachwuchs ist die ersten Jahre zunächst vollkommen hilflos und dann auf eine lange Zeit des Lernens und Sammelns von Erfahrung angewiesen. Unsere modernen, arbeitsteiligen Gesellschaften sind vollkommen unfähig, ohne länderübergreifende Kooperation in dem gewohnten Stil weiter zu existieren. Das war zuletzt sehr deutlich bei den Lieferkettenproblemen während der Pandemie, aber auch bei aktuellen Problemen in der Nachfrage nach seltenen Erden, oder auch nur nach Kupfer für den steigenden Bedarf im Zuge der Elektrifizierung.
Gleiches gilt für das Gesundheitswesen. Wir sind davon abhängig, dass moderne diagnostische Geräte produziert werden, die ausnahmslos Rohstoffe und Einzelteile aus allen Teilen dieser Welt benötigen. Wir sind aber auch auf einer deutlich kleinteiligeren Ebene davon abhängig, , dass die verschiedenen Berufsgruppen innerhalb des Gesundheitssystems gut und möglichst reibungslos zusammenarbeiten.
Warum ergehe ich mich hier in diesen scheinbaren Gemeinplätzen? Aus meiner Sicht werden wir auch die Probleme, die uns als Ärzteschaft in der Versorgung der uns anvertrauten Patienten gestellt werden, nur dann lösen, wenn wir wirklich zusammenarbeiten. Das Vertreten von Interessen, sei es der Ärztinnen und Ärzte, der Medizinisch-Technischen-Assistenz-Berufe, der Pflegekräfte und anderer Gruppen, aber auch zum Beispiel der Pharmaindustrie ist legitim und wichtig. Hier müssen Kompromisse geschlossen werden. Am Ende der Debatten über diese verschiedenen Interessen darf aber nicht aus dem Blick verloren werden, dass wir als alleinige „Existenzberechtigung“ das Ziel der Gesunderhaltung aller Menschen in Deutschland haben. Die bedingungslose Maximierung von Gewinn, das Beharren auf Extrempositionen oder die fehlende Anerkennung der Bedeutung der unterschiedlichen Stakeholder im Gesundheitswesen führen aus meiner Sicht zu Reibungsverlusten und Fehlallokationen der Mittel, die uns von der Gesellschaft zur Verfügung gestellt werden. Wir bekommen täglich und das in zunehmendem Maße in unseren Gemeinden, dem Land, aber auch auf der großen Bühne der Weltpolitik vor Augen geführt, dass wir mit endlichen Mitteln arbeiten, die aber bei verantwortungsbewusstem Umgang ausreichend vorhanden sind.
Daher erlauben Sie mir an dieser Stelle gerade in diesen Zeiten zu erinnern, dass der große evolutionäre Vorteil der Menschheit ihre Fähigkeit zur arbeitsteiligen Zusammenarbeit ist. Diese hat uns von den Wäldern und Höhlen der Steinzeit in eine Moderne geführt, in der so komplexe Dinge wie Atomkraftwerke, Mondlandungen oder auch Großstädte wie Shanghai, New York oder Berlin gebaut, belebt und funktionstüchtig erhalten werden. In denen wir Photon-Counting-Computertomographen oder Magnetresonanztomographen bauen, komplexe Immunvorgänge beforschen und in Therapien übersetzen können, um damit unsere Patienten optimal behandeln zu können. All diese Errungenschaften konnten und können nur erreicht und im klinischen Alltag eingesetzt werden, weil sehr viele Menschen verteilt über den gesamten Globus zusammenarbeiten, ihren Teil beitragen und damit Dinge erreichen, die einer allein oder selbst ein paar hundert oder tausend Menschen niemals erreichen könnten. In diesem Sinne möchte ich auch die hessische Ärzteschaft erinnern, dass einer allein nichts, wenige einiges, aber alle zusammen so gut wie alles erreichen können.
Dr. med. Christian Schwark, Vizepräsident der Landesärztekammer Hessen
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