Kennen Sie den berühmten Schweinezyklus? Sie wissen schon, zahlt der Markt hohe Preise, werden mehr Schweine aufgezogen. Daraus resultiert zeitverzögert eine Überproduktion mit konsekutiv sinkenden Preisen. In der Folge werden weniger Schweine aufgezogen, was wiederum das Angebot reduziert. Der Preis steigt wieder und der Zyklus beginnt von neuem. Was hat das mit uns Ärztinnen und Ärzten zu tun? Wohl eine ganze Menge. So konnte man in der Nassauischen Presse im Januar den Beitrag „Vom Überfluss zur Knappheit an Ärzten“ lesen, in dem der Blick 100 Jahre zurückglitt. Damals wurde eindringlich vom Studium der Medizin abgeraten. Das preußische Wissenschaftsministerium warnte: „Wer sein Brot mit ärztlicher Arbeit verdienen will, wird bittere Enttäuschungen erleben.“ Hintergrund war der durch den Ersten Weltkrieg ausgelöste Bedarf an Ärzten, der zu einer Zulassung angehender Ärzte ohne die sonst geltenden Voraussetzungen führte und sogar zu einem Vorziehen der ärztlichen Prüfung. Nach dem Krieg kehrten viele Ärzte zurück, aus den zuvor besetzten Gebieten, aber auch aus den ehemaligen Kolonien und trafen auf eine deutlich verringerte Bevölkerung in Deutschland.
Die geburtenstarken Jahrgänge unter uns erinnern sich bestimmt an den „Seehofer-Bauch“. 1993 sorgte der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer mit dem sogenannten Gesundheitsstrukturgesetz für eine restriktive Bedarfsplanung. Bevor diese in Kraft trat, beantragten viele Ärztinnen und Ärzte noch rasch die Zulassung für eine Niederlassung. Auch in den Kliniken stapelten sich damals Berge von Bewerbungen. Die Rede war von einer Ärzteschwemme. Das wurde prompt ausgenutzt, denn mit der Einführung des „Arzt im Praktikum“ erhielten frisch gebackene Absolventen das Gehalt einer ungelernten Hilfskraft. Heute treten diese Jahrgänge nach und nach in den Ruhestand, oftmals ohne eine Nachfolge gefunden zu haben. Parallel wurde die Zahl der Medizinstudienplätze nach der Wiedervereinigung von 16.000 auf zwischenzeitlich ca. 10.000 geschrumpft. Inzwischen gibt es an den staatlichen Universitäten wieder über 12.000 Plätze, die geschätzt bis 2030 auf etwa 13.000 Plätze steigen werden. Nicht zuletzt studieren viele junge Deutsche für teures Geld im Ausland und Deutschland begrüßt ausländische Kolleginnen und Kollegen, die bei uns arbeiten wollen.
Bei allem Verständnis für Forderungen nach einem schnelleren Anerkennungsverfahren für Kolleginnen und Kollegen aus sog. Drittstaaten darf der Patientenschutz aber nicht vernachlässigt werden. Die Qualifikation eines Arztes oder einer Ärztin muss zweifelsfrei nachweisbar sein. Es kann nicht sein, dass auf der einen Seite nachvollziehbar europäische Register verlangt werden, in denen der Verlust einer ärztlichen Approbation für die Approbationsbehörden und die Ärztekammern einsehbar ist, und auf der anderen Seite die Rede von einem Teilzugang zum ärztlichen Beruf ist, wenn bestimmte Qualifikationen nicht vorhanden sind. Ganz abgesehen davon, dass der Exodus ärztlicher Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland zu Versorgungslücken in deren Heimatländern führt.
Selbstverständlich ist mir jede Kollegin und jeder Kollege, ob aus Syrien, der Ukraine, Italien oder Moldau herzlich willkommen. Aber es ist und bleibt ein Armutszeugnis für unser Land, dass es uns nicht gelingt, den Bedarf im eigenen Land zu decken. Wir können kein Erdöl fördern, wir haben keine seltenen Erden und nur ein wenig Kupfer und Lithium, aber wir haben trotz zurückgehender Geburtenzahlen jedes Jahr mehr Interessierte für das Medizinstudium als es Plätze gibt. Unser Kapital sind weder Bodenschätze noch unerschöpfliche Energien aus Sonne und Windkraft, sondern die Köpfe in unserem Land. Hier müssen wir investieren und zwar nicht nur in Studienplätze für Medizin, sondern schon viel, viel früher, nämlich in die frühkindliche Bildung. Der Ökonom und Nobelpreisträger James Heckman konnte nachweisen, dass der Return on Invest auf eine Investition in Frühe Bildung, also bereits im Kindergarten, der höchste ist. Bereits ab Eintritt in die Grundschule flacht die nach ihm benannte Heckman-Kurve deutlich ab. Der Volksmund weiß das schon lange: Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will. Gesundheitliche Bildung sollte ein Teil solcher Maßnahmen sein, damit zukünftige Generationen in die Lage versetzt werden, möglichst viele gesunde Jahre verbringen zu können. Ganz abgesehen davon erübrigt eine verlässliche, qualitativ hochwertige Kinderbetreuung unselige Diskussionen über Teilzeitquoten.
Es gibt viel zu tun. Packen wir es an.
Dr. med. Edgar Pinkowski, Präsident

