Wer das Deutsche Romantik-Museum betritt, beginnt keine klassische Museums­tour, sondern eine Bewegung nach innen. Gleich neben dem Frankfurter Goethe-Haus, getragen vom Freien Deutschen Hochstift, entfaltet sich hier eine Reise durch eine Epoche, die Fragen stellte: nach Gefühl und Vernunft, nach Natur und Ich, nach Sehnsucht, Angst und Freiheit. Der Ort selbst markiert diesen Übergang: vom historischen Wohnhaus Goethes zur zeitgenössischen Museumsarchitektur.

Die Dauerausstellung „Romantik“ erzählt ihre Geschichte nicht chronologisch, sondern thematisch und sinnlich. Auf zwei Ebenen, in 35 Stationen, begegnen Besucherinnen und Besucher Handschriften, Gemälden sowie raumbezogenen, multimedialen Inszenierungen, die unterschiedliche Facetten der Epoche erfahrbar machen.

Dieser Beitrag kann dabei nur einen Bruchteil dessen zeigen, was die Ausstellung an Bildern, Klängen und Gedanken bereithält.

Der Weg nach innen

Der Rundgang beginnt programmatisch mit dem Spiegelwald. Die Installation bildet einen sinnlichen Auftakt und führt in zentrale Fragestellungen nach der Rolle von Wahrnehmung und Selbstbezug ein. „Nach innen geht der geheimnisvolle Weg“, formulierte Novalis – ein Satz, der wie ein Leitfaden durch die Ausstellung führt.

Diese Konzentration auf Wahrnehmung beschränkt sich jedoch nicht auf das Visuelle. Zu den sinnlichen Ebenen der Ausstellung zählen auch Klangräume, in denen Musik der Epoche präsent ist – etwa Werke Beethovens, die von Zeitgenossen bereits als Ausdruck romantischer Empfindung verstanden wurden. E. T. A. Hoffmann beschrieb 1810 Beethovens Fünfte Sinfonie als ein Werk, das mit seinen Klängen eine eigene innere Welt eröffnet.

Diese Bewegung setzt sich in der Waldeinsamkeit fort. Der Wald erscheint zunächst als Rückzugsort, als Raum der Sammlung und Nähe zur Natur, wie ihn Ludwig Tieck literarisch geprägt hat. Doch das Idyll kippt. Der Wald wird unheimlich, bedrohlich, ein Ort innerer Verunsicherung. Die Ausstellung macht diese Ambivalenz räumlich nachvollziehbar und zeigt, wie eng in der Romantik Naturerfahrung und das Unheimliche miteinander verbunden sind.

Verdichtet wird dieses Motiv im wohl berühmtesten Symbol der Epoche: der blauen Blume. In Heinrich von Ofterdingen erscheint sie als Traum, als Vision des Unendlichen. In der Ausstellung steht sie für ein zentrales romantisches Suchbild, das sich einer eindeutigen Festlegung entzieht.

Die Romantik als europäische Bewegung

Im zweiten Obergeschoss richtet die Ausstellung den Blick auf die Romantik als ein europäisches Netzwerk. Karten, Namen und Verbindungen machen sichtbar, wie eng Autorinnen, Autoren und Denker miteinander verbunden waren – über Länder-, Sprach- und politische Grenzen hinweg.

Im Mittelpunkt stehen dabei Figuren wie August Wilhelm Schlegel, der mit seinen Übersetzungen und Vorlesungen romantische Literatur international bekannt machte, oder Madame de Staël, deren Schriften und Salons zu wichtigen Vermittlungsorten zwischen Deutschland, Frankreich und England wurden. Ihre Reisen, Kontakte und Texte trugen dazu bei, dass romantisches Denken zirkulierte und sich in unterschiedlichen kulturellen Kontexten weiterentwickelte.

Die Ausstellung zeigt diese Verflechtungen nicht als abgeschlossenes Programm, sondern als lebendigen Austausch. Romantik erscheint hier als Ergebnis persönlicher Begegnungen, gemeinsamer Projekte und fortlaufender Diskussionen – geprägt von Menschen, die Ideen weitertrugen, veränderten und neu zusammensetzten.

Farbe, Bild, Stimmung

Mit Philipp Otto Runge wechselt der Blick von der Literatur zur Theorie der Wahrnehmung. Seine Farbenkugel ordnet Farben nicht naturwissenschaftlich, sondern symbolisch: Sie erscheinen nicht neutral, sondern bedeutungsvoll und emotional aufgeladen, eingebettet in einen umfassenden Zusammenhang.

In unmittelbarer Nähe stehen Goethes Farbkreise, die Farbe nicht als messbares Phänomen, sondern als Erlebnis zwischen Licht, Wahrnehmung und Empfindung begreifen. Farben werden hier nach ihrer Wirkung auf den Menschen geordnet und mit seelischen Qualitäten verbunden. So entsteht ein Dialog zweier Denkweisen, die Rationalität und Empfindung nicht voneinander trennen.

Diese Verbindung von Natur, Gefühl und Innerlichkeit findet ihre bildliche Entsprechung im Gemäldekabinett der Romantik. Landschaften von Caspar David Friedrich oder Carl Gustav Carus zeigen keine topografischen Ansichten, sondern Stimmungsräume. Mondlicht, Dämmerung und Weite prägen die Bilder, in denen das Äußere zum Träger innerer Wahrnehmung wird.

Gelebte Gleichheit

Im dritten Obergeschoss erweitert sich der Blick auf gesellschaftliche und politische Dimensionen der Romantik. Zugleich zeigt die Ausstellung, dass Romantik nicht nur gedacht, sondern auch gelebt wurde. Die Station „Gelebte Gleichheit“ erinnert an Rahel Varnhagen, eine zentrale Figur der Berliner Salonkultur.

Geboren als Rahel Levin, blieb ihr – sowohl als Frau als auch als Jüdin – Gleichberechtigung in der damaligen Gesellschaft doppelt verwehrt. Dennoch schuf sie seit den 1790er Jahren offene Tee-Gesellschaften, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung und sozialer Stellung zusammenkamen. Zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der Romantik gehörten im Laufe der Jahre zu ihren Gästen; ihre Salonkultur wurde zu einem sozialen Raum, in dem literarische, philosophische und kulturelle Fragen verhandelt wurden.

Die Ausstellung zeigt zudem Zeugnisse aus Rahels Leben, darunter ein Porträt-Relief, das der Bildhauer Friedrich Tieck 1796 von ihr fertigte.

Romantik – und kein Ende?

Am Ende des Rundgangs steht kein klassischer Schlusspunkt. Die Ausstellung richtet den Blick auf die Nachwirkungen der Romantik und stellt historische Zeugnisse zeitgenössischen Perspektiven gegenüber. So wird deutlich, dass viele der Themen, mit denen sich die Romantik beschäftigte, auch über ihre Epoche hinaus präsent geblieben sind.

In einer Gegenwart, die von Beschleunigung, Rationalisierung und Krisenerfahrungen geprägt ist, wirken Motive wie Sehnsucht, Naturbezug, Innerlichkeit oder die Skepsis gegenüber Fortschritt und Vernunft weiterhin anschlussfähig.

Wer das Deutsche Romantik-Museum verlässt, hat mehr gesehen als eine historische Epoche. Die Ausstellung zeigt Romantik nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern als kulturelle Haltung, deren Spuren sich bis in die Gegenwart verfolgen lassen.

Informationen zur Dauerausstellung und zum Besuch finden sich auf der Website des Deutschen Romantik-Museums unter

www.deutsches-romantik-museum.de

Maren Siepmann