Der große Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine geht mittlerweile in sein fünftes Jahr. Die Medizinhilfe Karpato-Ukraine aus Hanau um ihre Leiterin Dr. med. Martina Scheufler leistet nun schon seit über 30 Jahren Hilfe für die Menschen im Land. Im Gespräch mit der Redaktion des Hessischen Ärzteblattes spricht Scheufler über die Veränderungen im angegriffenen Land, darüber, wie sie und ihr Team sicherstellen, dass die Hilfsgüter auch vor Ort ankommen und auf welche Erfolge die mehrfach ausgezeichnete Ehrenamtliche zurückblicken kann.
Frau Dr. Scheufler, der Angriffskrieg auf die Ukraine geht in sein fünftes Jahr. Russlands Armee beschießt regelmäßig Infrastruktur. Zum Zeitpunkt unseres Interviews sind es nachts teilweise minus 20 Grad Celsius oder sogar noch kälter.-Wie erleben Sie und die Menschen, zu denen Sie Kontakt im Land haben, die aktuelle Lage?
Dr. Martina Scheufler: Die Menschen sind verzweifelt – nicht nur wegen der Kälte und des fehlenden Stroms, sondern auch, weil sie seit vier Jahren keine sichere Nacht mehr verbringen können. Ständige Luftalarme halten sie in Alarmbereitschaft. Viele sind körperlich und seelisch erschöpft. Dazu kommen Trauer um getötete Angehörige, fast jeder hat mindestens einen Menschen verloren, und die quälende Ungewissheit über Soldaten in der Armee, deren Schicksal unklar bleibt.
Sie sind seit über 30 Jahren in der Ukraine aktiv: Wie hat sich die Situation medizinisch und humanitär verändert?
Scheufler: Bis zum Jahr 2022, dem Beginn der großflächigen Invasion, haben wir nur eine Region in der Ukraine versorgt: Transkarpatien, das an der Grenze zu Ungarn liegt. Daher auch unser Name: Medizinhilfe Karpato-Ukraine. Transkarpatien, etwa so groß wie Luxemburg, war medizinisch stark unterversorgt. Bei meinem ersten Besuch lag der Ausstattungsstandard mindestens 50 Jahre hinter dem Westeuropas zurück. Die Region war bis vor 130 Jahren noch Teil Ungarns und liegt von Kyjiw aus hinter den Karpaten. Die Region ist etwas vergessen und entsprechend war auch die Lage im Gesundheitsbereich. Die Region war und ist noch immer sehr arm. Die medizinische Versorgung hat sich zum Glück gebessert. Wir hatten bis 2022 unseren Haupteinsatzort in der Stadt Mukachevo. Dort haben wir im Jahr 2000 mit dem Aufbau des von uns mitgegründeten „Christian Medical Center“, einer großen Poliklinik, begonnen. Diese Ambulanz hat heute westlichen Standard.
Wie hat sich denn schlechte Ausstattung bemerkbar gemacht?
Scheufler: In einem Krankenhaus mit 1300 Betten gab es nur für die Hälfte Matratzen. Das Röntgengerät war so veraltet, dass es – salopp gesagt – Röntgen und Strahlentherapie in einem war.
... und was hat sich in Ihrem Engagement seit dem Angriffskrieg geändert?
Scheufler: Zu Beginn der 2000er-Jahre haben wir im Schnitt einen Sattelschlepper mit Material pro Jahr in die Westukraine geschickt. Seit dem großen Krieg 2022 haben wir unser Engagement auf das ganze Land ausgedehnt, gerade ist ein Sattelschlepper mit 8,2 Tonnen auf den Weg nach Charkiw, das liegt nur wenige Kilometer vor der russischen Grenze. Seit Kriegsbeginn bis Januar dieses Jahres haben wir 34 Sattelschlepper und 12 7,5-Tonner als Beiladung geschickt. Insgesamt haben wir 410 Tonnen medizinisches Material geliefert.
Das ist viel Material. Immer wieder ist auch Korruption ein Problem in der Ukraine. Wie stellen Sie sicher, dass das Material auch da hinkommt, wo es hin soll?
Scheufler: Von Anfang an werden unsere 40-Tonnen-LKW direkt in Hanau vom Zoll verplombt, und die Ladung geht bis zum Zielort durch, die dort dann erst vom Zoll geöffnet werden darf. Es gibt in der Ukraine seit vergangenem Jahr sehr scharfe Gesetze und Regeln gegen Korruption. Wir erstellen vorab eine Ladeliste und diese wird dann vor Ort wieder überprüft. Durch die neuen Gesetze ist es auch nur noch lizenzierten NGOs erlaubt, bestimmte Frachten anzunehmen. Unsere Partner vor Ort dürfen deshalb nur medizinische oder technische Güter annehmen. Dadurch, und weil wir 100 Prozent der Spenden für unsere Tätigkeiten aufwenden können und nicht für Verwaltung oder Marketing ausgeben müssen, stellen wir sicher, dass jede Spende für die Hilfe vor Ort genutzt wird.
Was war vor mehr als 30 Jahren überhaupt der Auslöser zur Gründung der Medizinhilfe Karpato-Ukraine?
Scheufler: Ich bin in der Wallonisch-Niederländischen Gemeinde und im Zonta Club Hanau (Organisation zur Unterstützung von Frauen; Anm. der Red.) engagiert. Damals haben wir in Sofia in Bulgarien einen Zonta Club gegründet und ich habe das medizinische Material für Bulgarien mitorganisiert. Das war sehr erfolgreich und darauf hat mich der damalige Pfarrer angesprochen und gesagt: „Das brauchen wir für unsere Hilfe in der Ukraine.“ Als ich 1996 dann das erste Mal da war, habe ich die Not vor Ort gesehen, mit den beschriebenen fehlenden Matratzen und altem Gerät. Danach haben wir einen Plan gemacht, wie wir das Ganze aufbauen und wie wir helfen können. Als das städtische Krankenhaus in Mukachevo versorgt war, haben wir die Hilfe auf die Region Transkapatien ausgedehnt.
Wie stimmen Sie Bedarf und Lieferung mit den medizinischen Teams in der Ukraine ab, um Überflüssiges zu vermeiden?
Scheufler: Wir kündigen meist an, was wir zur Verfügung haben. In der Regel wird es auch gebraucht. Manchmal sagen uns die Leute vor Ort aber auch, dass sie etwas nicht brauchen. Ein Beispiel dafür sind Masken. Vor Ort gibt es so viele FFP2-Masken, von deren Bestand kann die Ukraine zwei Mal komplett versorgt werden.
Was wird denn aktuell besonders benötigt?
Scheufler: Da haben uns die Kollegen in der Ukraine ihren dringenden Bedarf übermittelt! (siehe Kasten S. 140; Anm. d. Redaktion)
Wie organisieren Sie exemplarisch so eine Lieferung?
Scheufler: Ohne die Spedition Hellmann East Europe im Hafen Hanau wäre unsere Hilfe in diesem Volumen nicht möglich, keine Chance. Wir haben auch noch ein weiteres Lager von der Stadt Hanau. Wenn wir das Volumen eines 40-Tonnen-Lkw erreicht haben, organisiert das Logistik-Team der Spedition den Transport, wir schreiben die Zolldokumente und Hellmann macht den ganzen Rest. Da helfen wir manchmal auch noch beim Transport bis an den Lkw. Der Lkw wird leer und nach der Beladung gewogen und vom Zoll verplombt. Unsere Fahrzeuge fahren geschlossen durch bis zum Zielort. Die Fahrer sind immer selbst Ukrainer, die häufig auch die Situation vor Ort gut einschätzen können und wissen, welche Route befahrbar ist und welche nicht.
Wie kann die Ärzteschaft sich über Sach- und Geldspenden hinaus einbringen?
Scheufler: Wer unterstützen will, ist natürlich immer willkommen. Aber was jeder Arzt und jede Ärztin tun kann: Schauen Sie mit offenen Augen durch die Praxen und Kliniken! Was funktioniert noch, aber darf wegen bestimmter Vorschriften nicht mehr eingesetzt werden? Haben wir noch aufgerissene Kisten mit Handschuhen oder Verbandsmaterial? Oder auch OP-Besteck... die ukrainischen Kollegen sind immer froh, wenn wir welches aus Deutschland schicken.
Parallel waren Sie bis 2022 ja noch als niedergelassene Ärztin in Ihrer Praxis tätig. Wie haben Sie das gemeistert?
Scheufler: Ich habe zu der Zeit einen Nachfolger für meine Praxis gesucht, die Praxis verkauft und gleichzeitig griff Russland die Ukraine an. Corona war auch noch ein Thema. Hinzu kam eine Erkrankung. Da saß ich teilweise auf Krücken in der Sprechstunde. Das Jahr 2022 war für mich der Horror, das weiß ich gar nicht, wie ich das durchgestanden habe.
Was treibt Sie persönlich an, diese Arbeit trotz der anhaltenden Herausforderungen fortzusetzen?
Scheufler: Was mich antreibt, ist die wunderbare Teamarbeit und natürlich das gute Gefühl, helfen zu können und etwas zu bewirken. Was uns alle im Team verbindet, ist die christliche Einstellung. Deshalb sind wir ja auch unter anderem unter dem Dach der evangelischen Kirche. Auch wenn man sieht, wie viele Menschen aus ganz Deutschland spenden, das ist motivierend. Unsere Spenden kommen an und wir können ein Stück weit einen Unterschied für die Menschen vor Ort machen.
Sie haben schon viele Auszeichnungen, darunter die Ehrennadel in Silber der LÄKH und das Bundesverdienstkreuz, für Ihr Engagement erhalten. Was bedeutet das für Sie?
Scheufler: Die Hauptwirkung ist für mich, dass unsere Spenderinnen und Spender sehen, was für eine seriöse Arbeit wir betreiben. Wir haben uns ja für keine dieser Ehrungen beworben. Manche Preise waren mir persönlich auch vollkommen unbekannt. Persönlich habe ich mich über das gut bekannte Bundesverdienstkreuz gefreut.
Auf welche Erfolge sind Sie besonders stolz?
Scheufler: 2006 haben wir einen generalüberholten CT von Siemens gespendet bekommen und dafür musste ein speziell gefederter Lkw organisiert werden. Das war schon etwas Besonderes. Dieser CT hat noch bis 2025 seinen Dienst getan und war lange Zeit der einzige CT in der Region, der funktioniert hat. Das war ein Quantensprung für die Diagnostik. Außerdem haben wir im Dezember 2022 in kürzester Zeit einen Generator mit komplettem Zubehör sowie einen Öltank gekauft und nach Mukachevo geschickt. Seit Silvester 2022 läuft dieser bedarfsweise und versorgt das gesamte Centrum – inklusive CT – unabhängig vom staatlichen Stromnetz.
Was sind Ihre wichtigsten Ziele für die Zukunft?
Scheufler: Wir hoffen natürlich, dass der Krieg endet und die zerstörten Kliniken wieder aufgebaut werden. Dann müssen Reha-Zentren für die physisch und psychisch Geschädigten des Landes aufgebaut und betrieben werden. Das alles wollen wir – genügend Spenden vorausgesetzt – mit unserem Team unterstützen. Es bleibt also genug zu tun. Langweilig wird uns nicht.
Interview: Lukas Reus
Medizinhilfe Karpato-Ukraine – Spenden
Die Medizinhilfe Karpato-Ukraine wurde 1996 von Dr. med. Martina Scheufler im Rhein-Main-Gebiet mitgegründet. Ziel war, die medizinische Versorgung in Transkarpatien (Westukraine) zu verbessern. Aus ersten kirchlichen Kontakten entwickelte sich eine langfristige Partnerschaft, getragen von Ehrenamt und Spenden. Seit 2015 arbeitet die Medizinhilfe Karpato-Ukraine unter dem Dach der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Hanau. Das Kirchenkreisamt Hanau übernimmt die Buchführung und stellt Spendenbescheinigungen aus. Vor und nach Ausbruch des Krieges erhielt die Medizinhilfe über 90 % der Spenden in Form von Sachspenden. Derzeit werden jedoch auch finanzielle Mittel benötigt, um Medizintechnik aus Deutschland abzuholen, Material gezielt für ukrainische Kliniken zu kaufen sowie die Transporte zu finanzieren.
Benötigt werden folgende Materialien: Generatoren, Batterieladestationen mit Akkus, Powerbanks, Taschenlampen, OP-Lampen, Sauerstoffkonzentratoren, Narkosegeräte, chirurgische Instrumente, Nahtmaterial, Klinikwaschmittel, Seifen jeder Art und Verbrauchsmaterial.
Kontakt: info@medizinhilfe.com
Spenden: Kirchenkreisamt Hanau; Stichwort: Medizinhilfe IBAN: DE62 5065 0023 0000 0503 51


