Physician Assistants (PA) sollen Ärztinnen und Ärzte im medizinischen Alltag unterstützen und so zur Stabilisierung der Patientenversorgung beitragen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie dieses Berufsbild sinnvoll und strukturiert eingebunden werden kann. Über notwendige Rahmenbedingungen, aktuelle Entwicklungen und die Position der Bundesärztekammer spricht Erik Bodendieck im folgenden Interview.

Herr Bodendieck, die Bundesärztekammer hat sich 2025 erneut zur Physician Assistance positioniert. Was war der Anlass dafür und wie bewerten Sie die Entwicklung des Berufsbildes insgesamt?

Erik Bodendieck: Dieses Berufsbild hat sich in den vergangenen Jahren deutlich entwickelt. Wir haben inzwischen mehrere tausend Absolventinnen und Absolventen und eine stetig wachsende Zahl an Studiengängen. Gleichzeitig zeigt sich ein sehr dynamisches, aber auch heterogenes Bild: Viele Angebote sind entstanden, bislang jedoch ohne einheitliche Standards oder eine klare rechtliche Einordnung.

Genau darin liegt die Herausforderung. Diese Entwicklung muss so gestaltet werden, dass keine Parallelstrukturen entstehen, sondern eine sinnvolle Integration in das ärztlich verantwortete System erfolgt. Ziel der Positionierung der Bundesärztekammer ist es daher, klare Rahmenbedingungen zu formulieren, damit sich das Berufsbild qualitätsgesichert und im Interesse der Patientinnen und Patienten weiterentwickeln kann.

Welche Rolle können Physician Assistants im Gesundheitssystem über­nehmen?

Bodendieck: Physician Assistants können ein wichtiger Bestandteil einer arbeitsteiligen, teamorientierten Medizin sein. Es geht ausdrücklich nicht darum, Ärztinnen und Ärzte zu ersetzen, sondern sie im medizinischen Alltag zu unterstützen. Hochqualifizierte Ärztinnen und Ärzte sollten sich auf komplexe diagnostische und therapeutische Entscheidungen konzentrieren können – also auf genau die Aufgaben, für die sie über viele Jahre aus- und weitergebildet werden. Standardisierbare Tätigkeiten können dagegen von entsprechend qualifizierten Fachkräften übernommen werden, selbstverständlich unter ärztlicher Verantwortung.

Delegation findet in der Praxis bereits statt, häufig allerdings ohne klar definierte Strukturen. Deshalb brauchen wir transparente Aufgabenbeschreibungen, eindeutige Tätigkeitsprofile und eine klare Zuordnung der Verantwortung. Dann wissen alle Beteiligten, wer welche Aufgaben übernimmt, und die Zusammenarbeit wird verlässlicher – auch im Sinne der Patientensicherheit.

Einsatzmöglichkeiten sehen wir überall dort, wo Abläufe gut strukturierbar sind, etwa im stationären Bereich oder in größeren Organisationseinheiten – beispielsweise bei der Vorbereitung und Begleitung von Behandlungen oder bei standardisierten Prozessen. Grundsätzlich ist das auch im ambulanten Bereich denkbar, wenn die Einbindung in die Praxisabläufe klar geregelt ist.

Die Bundesärztekammer hat mit ihrem Positionspapier einen Rahmen gesetzt. Welche Rolle können die Landesärztekammern bei der Weiterentwicklung der Physician Assistance übernehmen?

Bodendieck: Die ärztliche Selbstverwaltung hat hier eine wichtige gestaltende Rolle. Neue Qualifikationsprofile können nicht losgelöst von bestehenden Strukturen entstehen, sondern müssen in das System eingebunden werden. Ärztekammern stehen traditionell für Qualitätssicherung, für Weiterbildung und für die Definition beruflicher Standards. Diese Erfahrung brauchen wir auch bei der Weiterentwicklung der Physician Assistance.

Dabei geht es darum, dieses Berufsbild sinnvoll in die ärztlich verantwortete Struktur des Gesundheitssystems einzubinden. Dazu gehört, Aufgaben, Qualifikationen und Verantwortlichkeiten klar zu beschreiben und entsprechende Standards zu entwickeln. Die Landesärztekammern können diesen Prozess begleiten und dazu beitragen, dass die Zusammenarbeit im Team verlässlich geregelt ist.

Am Ende gilt: Die medizinische Verantwortung liegt bei der Ärztin oder beim Arzt. Gleichzeitig brauchen wir Strukturen, die es ermöglichen, neue Qualifikationen sinnvoll einzubinden. Genau darin liegt eine klassische Aufgabe der ärztlichen Selbstverwaltung – Entwicklungen aufzunehmen, zu ordnen und in tragfähige Regelungen zu überführen.

Welche Bedeutung haben Ausbildung, Standards und rechtliche Rahmenbedingungen für die weitere Entwicklung?

Bodendieck: Derzeit sehen wir eine Vielzahl von Studiengängen mit unterschiedlichen Ausrichtungen. Das zeigt zwar, wie dynamisch sich das Berufsbild entwickelt, führt aber auch zu einer gewissen Unübersichtlichkeit. Deshalb brauchen wir vergleichbare Standards bei Ausbildung, Prüfungen und Qualifikationszielen, damit klar ist, welche Kompetenzen vermittelt werden und worauf sich Einrichtungen verlassen können.

Darüber hinaus stellt sich die Frage nach einer rechtlichen Einordnung des Berufsbildes. Zuständigkeiten, Aufgaben und Verantwortlichkeiten müssen verbindlich beschrieben werden. Ohne einen solchen Rahmen bleibt vieles im Ungefähren – und das schafft Unsicherheit sowohl in der Praxis als auch bei den Trägern.

Klare Regelungen schaffen Transparenz und eine verlässliche Grundlage für die Zusammenarbeit im medizinischen Team.

Mit Blick nach vorn: Welche Prioritäten sehen Sie für die kommenden Jahre?

Bodendieck: Die Entwicklung ist bereits im Gang – jetzt geht es darum, sie aktiv zu gestalten. Dazu gehört, einheitliche Ausbildungsstandards zu etablieren, klare Delegationsmodelle zu definieren und das Berufsbild rechtssicher in das Gesundheitssystem einzuordnen. Das sind aus meiner Sicht die zentralen Aufgaben für die nächsten Jahre.

Wenn uns das gelingt, kann diese Form der Zusammenarbeit dazu beitragen, die medizinische Betreuung unter veränderten Rahmenbedingungen stabil zu halten. Es geht darum, ärztliche Kompetenz gezielt dort einzusetzen, wo sie wirklich gebraucht wird, und gleichzeitig verlässliche Strukturen im Team zu schaffen.

Richtig umgesetzt stärkt das die Qualität der Medizin – nicht, weil Aufgaben verlagert werden, sondern weil sie klar organisiert sind und alle Beteiligten innerhalb definierter Rollen zusammenarbeiten.

Interview: Maren Siepmann & Dr. med. Peter Zürner

Kernthesen des Positionspapiers der Bundesärztekammer

Physician Assistants sind ein akademischer Gesundheitsberuf im ärztlichen Team: PAs arbeiten in enger Kooperation mit Ärztinnen und Ärzten und übernehmen medizinische Aufgaben im Rahmen der Delegation und unter ärztlicher Supervision. Die Ausübung der Heilkunde bleibt dabei grundsätzlich ärztliche Aufgabe.

Das Berufsbild hat sich in Deutschland etabliert und entwickelt sich weiter: PAs haben sich in den vergangenen Jahren dynamisch entwickelt und etablieren sich zunehmend sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich.

Delegation ärztlicher Tätigkeiten steht im Mittelpunkt der Tätigkeit: PAs übernehmen ärztliche Tätigkeiten im Delegationsverfahren, sofern diese nicht zu den höchstpersönlich von Ärztinnen oder Ärzten zu erbringenden Leistungen gehören oder gesetzlich unter ärztlichem Vorbehalt stehen.

Ziel ist eine strukturierte Zusammenarbeit im multiprofessionellen Team: Die Tätigkeit von PAs soll Ärztinnen und Ärzte bei delegierbaren Aufgaben unterstützen und damit zur Arbeitsteilung im medizinischen Team beitragen.

Einheitliche Ausbildungsinhalte und Tätigkeitsrahmen sind notwendig: Das Positionspapier weist darauf hin, dass derzeit weder einheitliche Studieninhalte noch ein klar definierter Tätigkeitsrahmen existieren. Ziel ist daher die Festlegung einheitlicher Zugangsvoraussetzungen, Studieninhalte und Kompetenzprofile.

Kompetenzen entwickeln sich stufenweise im Berufsverlauf: Das Papier beschreibt ein Kompetenzmodell mit Grundkompetenzen, erweiterten Kompetenzen und speziellen Kompetenzen, die sich mit zunehmender Erfahrung und zusätzlicher Qualifikation entwickeln.

Quelle: Bundesärztekammer: Physician Assistance – ein etabliertes Berufsbild im deutschen Gesundheitswesen, Positionspapier, April 2025.

Physician Assistants: Berufsbild und Aufgaben

Physician Assistants sind ein akademisch qualifizierter Gesundheitsberuf, der in Deutschland seit den 2000er-Jahren entwickelt wurde. Sie arbeiten im ärztlich geleiteten Behandlungsteam und übernehmen im Rahmen der Delegation medizinische Aufgaben. Die medizinische Gesamtverantwortung bleibt dabei bei der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt.

Die Qualifikation erfolgt in der Regel über ein Bachelorstudium mit medizinischen Grundlagenfächern sowie klinischen Inhalten wie Diagnostik, Untersuchungsmethoden und Prozessorganisation. Ziel ist eine praxisorientierte Ausbildung für die Mitarbeit im medizinischen Team.

Beispiele für Aufgaben im klinischen Alltag

Diagnostik und Untersuchung

  • Durchführung einer standardisierten, vorbereitenden Anamneseerhebung
  • Durchführung standardisierter Untersuchungstechniken
  • Übernahme von Leistungen im Bereich der Diagnostik

Behandlung und Betreuung

  • Umsetzung ärztlich festgelegter Therapiepläne einschließlich Prozesssteuerung und Monitoring
  • postoperative Betreuung von Patientinnen und Patienten

Unterstützung im klinischen Alltag

  • Unterstützung und Durchführung von Visiten
  • zweite Assistenz bei Operationen
  • Durchführung diagnostischer Verfahren wie Sonographie oder Echokardiographie
  • Legen von Zugängen oder Durchführung von Punktionen

Dokumentation und Organisation

  • Vorbereitung von Arztbriefen, Entlassungsbriefen und OP-Berichten
  • Dokumentation des Behandlungsverlaufs und ärztlicher Anordnungen
  • Organisation diagnostischer Untersuchungen und Konsile

Kommunikation

  • Vermittlung und Erläuterung standardisierter Informationsmaterialien
  • Datenerfassung sowie Kommunikation von Untersuchungs- und Therapieergebnissen

Quellen:

  • Bundesärztekammer: Physician Assistance – ein etabliertes Berufsbild im deutschen Gesundheitswesen, Positionspapier, April 2025.
  • Deutsche Gesellschaft für Physician Assistants (DGPA): Berufsbild Physician Assistant. https://www.pa-deutschland.de/berufsbild