Nachdruck aus dem Ärzteblatt Thüringen, 7–8/2025, S. 52ff.
Die Geschichte der medizinischen Fakultät von Montpellier ist ebenso reich an schillernd-bizarren Persönlichkeiten, wie sie in die historisch-politischen Verwirrungen Frankreichs blicken lässt. Ein Schlaglicht auf den Werdegang der ältesten medizinischen Fakultät der Welt.
Hippokrates lässt Kos zurück
Es war der 17. August des Jahres 1220, als der päpstliche Legat des heutigen Languedoc, Kardinal Conrad d’Urach, die medizinische Universität in Montpellier einrichtete. Einrichten – das bedeutet, er verlieh ihr die Statuten der Universitas medicorum, tam doctorum quam discipulorum, Montipessulani 1 . Anstelle desorganisierter Verbreitung medizinischen Halbwissens trat zentralisierte Wissensvermittlung nach akribisch geregeltem päpstlichen Duktus. Andere medizinische Schulen wie die von Salerno oder solche des arabischen Raumes hatten zwar schon 200 Jahre früher Bestand, doch war es in Montpellier, wo die wahre Gründungsstunde der universitären Medizin schlug. Die aus der Praxis geborene medizinische Lehre wurde dort zum ersten Mal Teil des voranschreitenden Institutionalisierungsprozesses europäischer Universitäten. Im westlichen Sinne liegt der Geburtsort akademischer medizinischer Lehre in Montpellier. Historisch ist dies wenig verwunderlich: In geografisch günstiger Lage an der Mittelmeerküste entwickelte sich die Stadt gänzlich konkurrenzlos zum französischen Handelszentrum der Méditerranée. Montpellier profitierte von einer beispiellosen Internationalität, die die medizinische Wissenschaft aufblühen ließ. Sie sollte über das gesamte Mittelalter hinweg bestehen bleiben. Vom schon früh gewonnenen Selbstbewusstsein zeugt die Devise, die sich die Universität gegeben hatte: Olim Cous nunc Monspeliensis Hippocrates oder auch „Einst kam Hippokrates aus Kos, jetzt kommt er aus Montpellier“. So hatten es wohl auch die Mediziner der Universität Montpellier verinnerlicht: Bis ins 19. Jahrhundert weigerten sie sich kontinuierlich, als bloße Fakultät der allgemeinen Universität von Montpellier anzugehören. Dies, obwohl Letztere seit 1289 das Universitätsleben in Montpellier vervollständigte. Stattdessen bestand, einzigartig in der Geschichte der europäischen Universität, die eigene Universität für Medizin.
An der Peripherie von Papst und Pest
Auch in der ersten europäischen Blütezeit medizinischer Lehre im 14. Jahrhundert war Montpellier vorne mit dabei: Wie für die inzwischen gegründeten französischen Universitäten in Paris galt auch für Montpellier, dass Nähe zu Zentren der Macht mit wissenschaftlichem Fortschritt einherging. An der geografischen Peripherie zu den Päpsten von Avignon war es erneut die günstige Lage Montpelliers, die die Universität prosperieren ließ. Auf das Ende des Papsttums in Avignon folgte jedoch kein Zusammenbruch: In ihrer Monopolstellung zwar geschwächt, blieb die medizinische Universität Vorreiterin in Sachen akademischer Lehre. Während der Renaissance war sie nicht nur die erste in Frankreich, die sich mit einem Hörsaal für die Sektion von Leichen ausstattete, sondern auch Heimat des ersten botanischen Gartens des Landes. Dort wurde 1795 der erste Ginkgo Biloba Frankreichs gepflanzt – Jahre bevor Goethe den Ginkgo in Thüringen ansiedelte. Aus heutiger Perspektive bemerkenswert erscheint außerdem, dass zu ihren Spezialitäten ein mitunter als modern verstandenes Fach zählte: Pierre Chirac, Superintendent der Universität, versuchte sich während der Pestwellen in Marseille mehr oder weniger erfolgreich auf dem Gebiet der Epidemiologie.
Dürfen Chirurgen Ärzte sein?
In der darauffolgenden Zeit der Aufklärung bis zur Französischen Revolution blieb die Universität gemeinsam mit jener von Paris die einzige des französischen Königreiches, an der Medizin regelmäßig gelehrt wurde. Häufig war es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen beiden Universitäten, welche den ersten Arzt im Staate würde stellen dürfen: Die Berufung zum Leibarzt des Königs war prestigeträchtig und begehrt.
Zu dieser Zeit ist vor allem die Lebensgeschichte einer Persönlichkeit hervorzuheben: Francois Gigot de Lapeyronie, Namensgeber eines der heutigen Montpellierainer Krankenhäuser. Lapeyronie, talentiertester und begabtester Student der medizinischen Fakultät, wollte, so wird bei der Führung durch das Gebäude der medizinischen Fakultät erzählt, statt der Laufbahn eines „wahren Arztes“ ausgerechnet jene des Chirurgen einschlagen. Dies ganz zum Leidwesen seines Vaters und sämtlicher Professoren. An Starrköpfigkeit nicht zu übertreffen, wählte er das Handwerk („chirurgien et barbier“, so hieß das entsprechende Diplom) statt der Wissenschaft. So war das Verständnis im Jahre 1695. Glücklicherweise war Lapeyronie als Chirurg nun aber so begabt, dass er bald an den französischen Königshof berufen wurde. Seine größte Ruhmesstunde sollte jedoch schlagen, als er mit einem päpstlichen Auftrag aus Rom betraut wurde: Der ans Bett gefesselte Papstvertraute Marquis de Vizzani litt an einer mit starken kognitiven und motorischen Funktionsstörungen einhergehenden Krankheit, die ihn im heutigen Sinne „berufsunfähig“ machte. (Worin genau die Krankheit bestand, bleibt der eigenen Vorstellungskraft überlassen.)
In Rom angekommen, stellte Lapeyronie nicht nur die Funktionalität des Papsttums wieder her, sondern adelte auch seine ganze Zunft von „Metzgern“ zu Ärzten. Während einer mehrstündigen OP ersetzte er die Schädeldecke des Marquis durch Silberplatten, einem der damals bekannten Antiseptika. Nach der Operation soll es dem Marquis noch für bemerkenswerte 15 Jahre möglich gewesen sein, vollständig beschwerdefrei zu leben – ein historischer Erfolg. Die Folgen von Lapeyronies Können sind auch heute noch in den Sälen der medizinischen Fakultät von Montpellier porträtiert: Als erster der in der medizinischen Fakultät von Montpellier dargestellten Chirurgen ist er sowohl mit dem edleren roten Gewand der Mediziner als auch dem schwarzen der Chirurgen dargestellt. Die ihm nachfolgenden Chirurgen wurden schließlich gänzlich in Rot porträtiert.
Aneignung rettet
Wie eng Universitäts- und Staatsgeschichte miteinander verknüpft sind, zeigte sich in den Wirren des anschließenden französischen Revolutionszeitalters: Es war im Jahre 1792, als die französische Nationalversammlung beschloss, den Lehrbetrieb an sämtlichen Universitäten des Landes einzustellen. Was zuvor der Universität gehörte, wurde konfisziert und zu Staatseigentum gemacht – so auch der botanische Garten, der deswegen bis heute der Verwaltung der Stadt Montpellier unterliegt. Wo hier zunächst Aneignung vermutet werden könnte, ist Rettung zu verstehen: Insbesondere der damalige Dekan der Universität, Gaspard-Jean René, zugleich Mitglied des Stadtrates, setzte sich dafür ein, dass entscheidende Besitztümer der Universität von der Stadt in Besitz genommen wurden. Nur so war es möglich, sie vor den Verwüstungen und Plünderungen der Revolution zu retten. Als Zeugnis des Verantwortungsbewusstseins der Verwaltung des neuzeitlichen Montpellier blüht der botanische Garten auch heute noch.
Frauen als Studierende
Die Wiederaufnahme des Lehrbetriebs nach der Revolution ging mit großen Veränderungen einher: Die Universität für Medizin wurde zu einer Fakultät der Universität von Montpellier. Gegen das Dekret Napoleons zur Formierung der Université impériale hatte auch der jahrhundertelange Widerstand der Professorenschaft kein Gewicht mehr. So wurden in ganz Frankreich Lehrstrukturen geschaffen, die im Kern bis heute bestehen: beispielsweise die Rolle der staatlichen Universität als eher laizistischer Bildungseinrichtung und Aufteilung des medizinischen Studiums in einen wissenschaftlichen und einen praktischen Teil. Und auch in anderen Bereichen brachte das 19. Jahrhundert bis heute nachwirkende Veränderungen mit sich: Nach 658 Jahren des Bestehens der medizinischen Universität Montpellier als Einrichtung der Männer erhielt im Jahr 1878 die erste Frau ein Diplom der Fakultät. Die gebürtige Schottin Agnes McLaren wählte Montpellier als Studienort, weil Frauen an den Universitäten für Medizin in Großbritannien zu diesem Zeitpunkt noch nicht zugelassen wurden. Die französischen Universitäten waren an dieser Stelle fortschrittlicher. Studieren entwickelte sich langsam, aber stetig zu einem Recht für alle. Dieses sollte erst in den Jahren der deutschen Besetzung wieder eine einschränkende Zäsur erfahren: Jüdische Studierende wurden deportiert und französische zur Zwangsarbeit verpflichtet.
Krieg erzwingt Forschungs- fortschritt
Dass nicht nur solche Lehr- und Zugangsbedingungen einer Universität, sondern auch die Inhalte medizinischer Forschung den Zwängen historischer Umstände unterliegen, zeigte sich in Montpellier insbesondere während des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Der Lehrbetrieb blieb bestehen, wurde aber thematisch kriegsangepasst. Sieben der 59 Abschlussarbeiten, die in den Jahren 1914 bis 15 eingereicht wurden, befassten sich ausschließlich mit Kriegsverletzungen. Interessanterweise spiegelt sich auch unter diesen Themen die große Rolle wider, die insbesondere der Erste Weltkrieg für das Vorantreiben von Techniken zur Bluttransfusion spielte: Anstatt die Bluttransfusion wie zuvor von Arm zu Arm durchzuführen, sind in Montpellier genauso wie in zahlreichen anderen Krankenhäusern dieser Zeit Versuche belegt, die Blutgerinnung mit Soda-Citrat aufzuhalten. So konnte Blut transportierbar gemacht werden. Ziel dieser Neuerung war es, verletzten Soldaten an der Front zu helfen. Die Anfänge der Technik moderner Bluttransfusion waren, wie viele andere Innovationen auch, unter Kriegsdruck geboren.
800 Jahre Geschichte reichen für den Blick zurück
Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg waren und sind für die medizinische Fakultät von einer Kontinuität des Lehr- und Forschungsbetriebes geprägt. Einzig eine symbolische Zäsur brachte das Jahr 1968 mit sich, als die medizinische Fakultät endgültig ihre eigene Rechtspersönlichkeit verlor. Von nun an wurde sie auch formell-juristisch Teil der Université Montpellier.
Ein Gespür für die Besonderheit der eigenen Geschichte gibt es in Montpellier aber: Bis heute werden die Studierenden der Medizin des zweiten Jahres im historischen Gebäude neben der Kathedrale unterrichtet, anstatt im eigentlich dafür vorgesehenen modernen Medizin-Campus am Stadtrand. Kein Wunder also, dass es sich die Université de Montpellier 2020 nicht nehmen ließ, zum 800-jährige n Bestehen ihrer medizinischen Fakultät als ältester der Welt ein ganzes Festjahr auszurufen. Noch heute ist Montpellier immerhin die drittgefragteste Universität für Medizin in Frankreich. Neben dem Blick auf eine reiche Vergangenheit kann die Fakultät also zuversichtlich in die Zukunft schauen. Inwieweit der moderne Universitätsbetrieb noch im Sinne Conrad d’Urachs ist, möge dahingestellt bleiben. Durch die Universitätsgründung unter päpstlicher Vorherrschaft hatte er vor allem vor, gegen die vermeintliche Ketzerei der Katharer vorzugehen.
Tipp: Wer die Luft der alten Gemäuer der medizinischen Fakultät schnuppern möchte, kann an einer der zahlreichen Führungen durch die medizinische Sammlung teilnehmen, inklusive Besichtigung des Anatomie- und Festsaales. Sonstige medizinhistorische Orte sind in Montpellier über die Stadt verteilt zu entdecken.
Luise Häder, Heidelberg und Montpellier, Kontakt per E-Mail via: haebl@laekh.de
Literatur bei der Verfasserin.
1„Die medizinische Universität, sowohl für Doktoren als auch für Studenten, von Montpellier.“




