Nichts Geringerem als der „Zukunft der ärztlichen Selbstverwaltung“ widmete sich das Dialogforum der Bundesärztekammer (BÄK) für junge Ärztinnen und Ärzte zum Auftakt des 130. Deutschen Ärztetages. Dieses Forum, das als Dialog junger Ärztinnen und Ärzte mit der BÄK gedacht ist und damit den Deutschen Ärztetag Kolleginnen und Kollegen näherbringen soll, die (noch) keine Ärztekammer-Delegierten sind, erfreute sich auch in diesem Jahr hohen Andrangs und großen Interesses. Die Schirmherrschaft übernahmen – wie bereits in den Vorjahren – Dr. med. Ellen Lundershausen, Vizepräsidentin der BÄK, und Dr. med. Pedram Emami, Präsident der Ärztekammer Hamburg.
Plädoyer für mehr Teilhabe
Lundershausen eröffnete das Forum mit einem Appell an die Kostbarkeit der ärztlichen Selbstverwaltung – hatte sie selbst als ehemalige DDR-Bürgerin eine zentrale gesetzliche Steuerung ohne ebendiese Möglichkeiten erlebt. Sie appellierte, die Partizipation in der Selbstverwaltung zu erhöhen und insbesondere den Frauenanteil sowie den Anteil von Ärztinnen und Ärzten mit Migrationsgeschichte in Ämtern der Selbstverwaltung zu fördern. Schließlich werden aktuell nur zwei von 17 Ärztekammern von Präsidentinnen geleitet; die Repräsentation von Ärztinnen und Ärzten mit Migrationsgeschichte erscheint ähnlich gering.
Eine der Ärztekammer-Präsidentinnen ist die Gastgeberin des diesjährigen Ärztetages, Dr. med. Marion Renneberg. Mit warmen Worten sprach sie sich für ein Zukunftsbewusstsein aus. Es sei wichtig, Gremienarbeit schmackhaft zu machen, auf die Erwartungen von Kolleginnen und Kollegen konkret einzugehen und nicht nur den erfahrenen Modus operandi der Kammerarbeit fortzuführen. Insbesondere in der Zeit der Weiterbildung und nach Abschluss der fachärztlichen Prüfung stellten sich viele Hürden gleichzeitig: etwa hohe Arbeitsbelastung, Familiengründung, Hausbau oder Weichenstellungen für Niederlassung oder Klinikkarriere. Sie motivierte dazu, den heutigen Dialog kontinuierlich über die Grenzen des Deutschen Ärztetages hinaus weiterzutragen.
Emami fasste die Spannung zwischen demographischem Wandel und der Einbindung jüngerer Ärztinnen und Ärzte pragmatisch zusammen: „Wer übernimmt den Laden?“ Ein Erwartungsabgleich an die ärztliche Selbstverwaltung wäre ein guter Kick-off-Point – dem widmete sich im Folgenden das Forum.
Selbstverwaltung zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Zuvor lieferte Prof. Dr. Ulrich Wenner, Vorsitzender Richter am Bundessozialgericht, eine juristische Einordnung. Sachbezogen erklärte er die Termini und Grundlagen der ärztlichen Selbstverwaltung und betonte dabei auch die zwischenzeitlich eingeschränkteren, aber wichtigen Gestaltungsspielräume der ärztlichen Selbstverwaltung nebst gesetzlich festgelegten Strukturen. Ebenfalls hob er die Besonderheit einer berufsständischen Altersversorgung hervor.
Nach dieser Grundlageneinordnung startete der Dialog mit Theresa Buuck, Vorsitzende des Ausschusses für junge Ärztinnen und Ärzte der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern. Voll Engagement sprach sie aus, was die ein oder andere Teilnehmerin des Forums ebenfalls kennen. „Viele jüngere Kolleginnen (…) haben die Selbstverwaltung bisher nicht als einen Ort erlebt, der sie selbstverständlich mitmeint. Eher als etwas, das weit weg ist. Formal. Zeitintensiv. Nicht immer leicht zugänglich. Mit Sitzungslogiken, Sprachcodes und Kulturformen, die nicht gerade einladend wirken. (…) Aber es ist ein strukturelles Problem.“
Buuck sprach sich für niedrigschwellige Angebote der Ärztekammern aus, beispielsweise Grillabende kombiniert mit berufspolitischen Themenabenden. Häufig sei nicht mangelndes Interesse die entscheidende Hürde für Engagement, sondern die fehlende Vereinbarkeit mit Beruf und Familie. Dazu kämen Kulturfragen, wie etwa das Gefühl, sich zunächst „bewähren“ zu müssen, bevor man sprechen dürfe. Das Ziel moderner Selbstverwaltung sei in ihren Augen vor allem Gegenwartsnähe.
Wunsch nach moderner und offener Kammerarbeit
Diesen Impuls ergänzte Andrej Weissenberger, Arzt in Weiterbildung für Pädiatrie. Es sei ärztliche Aufgabe, Probleme rechtzeitig zu erkennen und zu lösen. Auf den ersten Blick wirke die ärztliche Selbstverwaltung mit ihren komplizierten Abläufen und undurchsichtigen Regeln wie das Gegenteil dieses Berufsverständnisses. Der Wunsch nach Beteiligung fordere eine doppelte Bringschuld – mitmachen, nicht nur zusehen sei gefordert. Zugang müsste also gefördert werden.
Dabei sei zu beachten, dass junge Ärztinnen und Ärzte in der Regel keine eigenen Sekretariate oder private Strukturen hätten, die sämtliche Care-Arbeit übernähmen. „Wir haben Familien, Hobbys und ein Verständnis für Selbstfürsorge, das unsere jahrzehntelange ärztliche Tätigkeit nachhaltig unterstützen sollte. Wenn man dies berücksichtigen möchte, liegt offen: Wir brauchen digitale, flexible Formate sowie Kommunikation in den Räumen, in denen wir uns tatsächlich bewegen, unter anderem den sozialen Netzwerken. Weiterbildung ist das Herzstück unserer Kammerarbeit, welches wir verteidigen sollten, insbesondere gegenüber zunehmenden wirtschaftlichen Erfordernissen.“
Jana Pannenbäcker, Co-Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, ergänzte, man dürfe die eigene Rolle als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren der Kammerarbeit nicht unterschätzen. Mentoringprogramme könnten helfen, die Partizipation in den Kammergremien zu fördern.
Dr. med. Felix Lüdeke, Geschäftsführender Arzt der Ärztekammer Hamburg, hält auch das Außenbild der Kammern für entscheidend. Solange die Kammer als reiner Verwaltungsapparat gesehen werde, welcher im Zweifelsfall pro Kontaktpunkt einen Gebührenbescheid veranlasse, sei der Anreiz gering, sich in Formaten zu engagieren. Die Kammer sollte dagegen als Gesamterlebnis kreiert und präsentiert werden.
Fish-Bowl-Diskussion und World-Café
In der anschließenden Fish-Bowl-Diskussion vereinte vor allem ein Interesse die Kolleginnen und Kollegen, davon alle in der Facharztweiterbildung: der Wunsch nach Veränderung. Diese Wünsche wurden im anschließenden World-Café weitergetragen, wo in Kleingruppen Vorschläge für eine bessere Zukunftsförderung der Kammern gesammelt wurden. Genannt wurden Best-Practice-Beispiele wie „Kittel meets Kammer“ aus Hamburg oder das Begrüßen neuer Kammermitglieder mit gemeinsamem Vortragen des Genfer Gelöbnisses in der Ärztekammer Nordrhein.
Ebenso hervorgehoben wurden der Wunsch nach einer bundesweiten Vernetzung junger Kammern sowie Konzepte, wie mehr junge Ärztinnen und Ärzte in Ausschüsse und Kammerversammlungen eingebunden werden könnten. Zusätzlich wurde Unterstützung seitens der Kammern bei Freistellungen durch Arbeitgeber angeregt.
Zu den niedrigschwelligen Angeboten könnten (teil-)öffentliche Ausschusssitzungen und Kammerversammlungen gehören, regelmäßige Netzwerktreffen und interaktive Veranstaltungen. Diversität in den Gremienbesetzungen müsse aktiv gefördert werden. Amtszeitbegrenzungen sowie Altersgrenzen für bestimmte Themen, zum Beispiel Nachwuchs- oder Weiterbildungsgremien, wurden diskutiert. Ähnlich wie in medizinischen Leitungspositionen könne auch das Topsharing in Kammerspitzen eine Rolle spielen. Die digitalen Möglichkeiten sollten ausgebaut werden, beispielsweise durch Kammer-Apps – oder regelmäßig bespielte Social Media-Accounts.
Als Gesamtbild sollte sichtbar werden: Kammerarbeit macht Spaß. Auch das Image der Kammern ließe sich durch einladende Erstkontakte, digitale Mitgliederverwaltung und pragmatische Prozesse bei der Facharztprüfung positiver zeichnen.
Ein persönliches Fazit
Meiner Meinung nach lohnt sich das Engagement für den eigenen Beruf an vielen Stellen, auch wenn es nicht immer direkt messbar scheint. Das geduldige Weiterverfolgen von Themen erzielt nämlich Erfolge und kann politische Aufmerksamkeit auf die für uns wichtigen Themen lenken.
Es spricht aus meiner Sicht vieles dafür, den Zugang zum Engagement in den Ärztekammern noch niedrigschwelliger zu gestalten. Ziel sollte sein, dass viele unterschiedliche Stimmen gehört und repräsentiert werden. Dadurch entsteht ein lebendiger Diskurs, der gegenwärtige Besonderheiten und Strukturen abbildet und sich stetig erneuert. Selbstverständlich sind die Kammern auch Verwaltungsorgane. Es wäre jedoch schade, wenn sie in der Öffentlichkeit allein darauf reduziert würden. Gerade weil in den Ärztekammern vielfältige Projekte laufen, ist es wichtig, dass diese lebendig bleiben, dass Engagement auch über die eigenen Kammermedien hinaus sichtbar wird und Offenheit für Mitarbeit besteht.
Für junge Ärztinnen und Ärzte – oder auch ebendiese, die bisher kein Engagement in der Selbstverwaltung eingebracht haben – können formelle Strukturen, implizite Verhaltenskodizes und Veranstaltungskalender zunächst abschreckend wirken. Es würde helfen, bereits Studierenden die Projekte der Ärztekammern näherzubringen, Gastteilnahmen an Delegiertenversammlungen zu fördern oder freiwillige Mitgliedschaften zu ermöglichen.
Satzungen, Geschäftsordnungen und Legislaturperioden haben ihre Rolle als Säulen eines demokratischen Organs. Doch auch diese dürfen mitwachsen, dürfen ihre Flexibilität und zeitgemäße Struktur an die Bedürfnisse des 21. Jahrhunderts anpassen. Die Leidenschaft engagierter Kolleginnen und Kollegen möchte nicht fünf Jahre warten, bis die nächste Wahl ansteht. Als Ärztinnen und Ärzte sind wir akute Maßnahmen gewöhnt. Ähnlichen Einsatz wollen wir auch in der Berufspolitik zeigen. Wir wollen gemeinsam unseren Beruf und unser Gesundheitssystem verbessern. Dass dieser Antrieb vorhanden ist, zeigte sich auch im diesjährigen Dialogforum: Die engagierten Menschen sind hier, haben jetzt Interesse – und viele weitere haben am Montagnachmittag keine Dienstbefreiung oder keinen Sonderurlaub erreicht, aber wollen sich ebenfalls engagieren. Wir wollen nur wissen, welche Werkzeuge wir nutzen können. Wir sind bereitwillige Multiplikatorinnen und Multiplikatoren.

Pauline Graichen, Ärztin in Weiterbildung für Innere Medizin, Frankfurt am Main, E-Mail: graichen@marburger-bund.de

