Stolpern und manchmal hinfallen kommt im Leben vor. Es hilft nicht selten, bessere Wege zu finden und Ziele klarer zu formulieren. Was ist hier gemeint?
Der 128. Ärztetag in Mainz hat 2024 mit großer Mehrheit beschlossen, die Muster-WBO 2018 zu vereinfachen und strukturell zu verschlanken. Sie soll möglichst auf kürzere Mindestweiterbildungszeiten im EU-Raum hin angepasst werden. Es sollen neue didaktische Ansätze und Prüfverfahren überlegt werden. Beim 129. Ärztetag 2025 in Leipzig wurde das für die Zusatzweiterbildungen konsequent abgearbeitet. Die Struktur wurde in drei klare Bausteine gegliedert: vollzeitige Zusatz-Weiterbildungen, nebenberufliche Zusatzcurricula und einige, allein mit Kursverfahren umzusetzende Weiterbildungskonzepte.
Die Arbeitsaufgabe für die Weiterbildungsgremien der Bundesärztekammer (BÄK) zum 130. DÄT in Hannover war jetzt: Mehr als 50 Gebietsweiterbildungen und ca. 20 Schwerpunktweiterbildungen nach den fortbestehenden Beschlusskriterien des 2024er Ärztetags zu überarbeiten. Das haben wir beim 130. DÄT offensichtlich nicht erreicht. Es wurden sehr wenig punktuelle Veränderungen bei einzelnen Facharztgebieten festgemacht. Kein großer Wurf, nur ein Facelift. Bei der großen Mehrheit der Fachgebiete und Schwerpunkte gab es gar keine weiterführenden Änderungen.
„Wir haben eine klare Aufstellung, jetzt gilt es, die ,Elefanten’ im Raum zu bearbeiten!“
Ja, die Aufträge des Deutschen Ärztetages (DÄT) von 2024 wurden zumindest stark verwässert. Bis Ende 2025 wurden von der Bundesärztekammer und den Berufsverbänden strukturelle Neuansätze für kürzere und einfachere Weiterbildungswege entwickelt und kommuniziert. Auftrag der BÄK ist dabei zugleich, berufspolitischer und bildungsstruktureller Verantwortung zu folgen und einen transparenten und ausgleichenden Prozess angesichts vieler legitimer Einzelinteressen zu führen. Fortschritt und Klarheit von Weiterbildung sollen so möglichst für fünf bis zehn Jahre gedacht und gesichert werden. Offenbar gab und gibt es jedoch Kräfte und Einflüsse, die sich diesem Anspruch auf Erneuerung auf der letzten Meile zum DÄT 2026 entgegengestellt haben. Dann kommt es jetzt darauf an, die den notwendigen Fortschritt verhindernden, bis dahin „unsichtbaren Elefanten im Raum“ wahrzunehmen und ihren Themen abzuhelfen.
- Elefant Kammerbürokratie: ja, die Kammern sind bürokratisch im gesetzlichen Rahmen organisiert, damit alles und alle gleichbehandelt werden. Ja, der Staat verlangt per Gesetz, diese Rahmenbedingungen justiziabel zu halten. Ja, verwaltungsrechtliches Denken in den Kammern ist für viele Ärzte „ein Graus“. Ja, das eLogbuch ist kein attraktives Incentive-Instrument, sondern eine nüchterne Plattform für erworbene Kompetenzen. Ja, die Infomaterialien der Kammern, Podcasts, Medienauftritte und Onlineseminare zur WBO werden oft nicht angenommen. Ja, beratende Begleitung seitens der Kammern ist im Personalschlüssel bisher nicht vorgesehen.
- Elefant Arbeitslasten: Ja, Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung verbringen mehr als 30 % des Arbeitstages mit Bürokratie, Statistik und Prüfdokumentationen für die wirtschaftlichen Strukturen am Arbeitsplatz, aber nicht im eigentlich notwendigen Lernprozess der Patientenbetreuung.
- Elefant Qualität der Weiterbildung: Ja, es findet kaum systematisches und unkompliziertes Feedback zu den Kammern über die aktuelle Vor-Ort-Qualität der Weiterbildung statt. Ja, es gibt kaum oder nie Zufallsstichproben und regelmäßige Audits an den Weiterbildungsstätten. Ja, es fehlen oft erfahrene Weiterbildungs-Coaches am Arbeitsplatz des ärztlichen Nachwuchses. Ja, kaum ein befugter Weiterbilder hat bewusst und stetig seine eigenen Kompetenzen in Train-The-Trainer-Seminaren entwickelt und frisch gehalten.
- Elefant wirtschaftlicher Druck: Ja, viele Weiterbilder gehen gleichfalls in Bürokratie und wirtschaftlichen Zielsetzungen von Kliniken und Praxen unter. Ja, Geschäftsführungen der Kliniken und Praxen betrachten Aufwendungen für Weiterbildung kurzfristig als negativen Wirtschaftsfaktor.
- Elefant Krankenhausreform und sektorübergreifende neue Versorgungsformen: Ja, weder Landesbehörden noch Kliniken und ambulante Weiterbildungsstätten wissen nach fast fünf Jahren bundesweiter Debatte und politischem Personalwechsel, welche Weiterbildungsoptionen in näherer Zukunft stationär oder ambulant angeboten werden müssen oder bestehen bleiben können. Ja, niemand hat trotz vielfacher Nachfrage geregelt, wie Verbundweiterbildung finanziert und arbeitsrechtlich sicher über mehrere WB-Stätten hinweg geregelt werden kann.
Wir sollten nicht aufgeben, die Muster-WBO und die jeweiligen Rahmenbedingungen im politisch instabilen Umfeld auf essenzielle Inhalte zu fokussieren.
Retrospektiv zum DÄT in Hannover ist ziemlich klar: Es braucht Mut, Willen und Klugheit von „Elefantenjägern“, Wege für zielgerichtete Strukturverbesserungen und qualitätsbestimmende Umweltfaktoren bei der Weiterbildung zu glätten. Seien wir zuversichtlich, dass die Ärztetage 2027 in Wiesbaden und 2028 in Kiel damit bessere Chancen erhalten, die im Wesentlichen ausstehende Weiterentwicklung der Muster-WBO zu stemmen, um sie für 2035 fit zu machen.


Dr. med. H. Christian Piper, Dr. med. Wolf Andreas Fach, Mitglieder des Präsidiums der Landesärztekammer Hessen
