Forderung nach familienfreundlichen Arbeitsbedingungen

Symposium der Landesärztekammer für Medizinstudierende und angehende Ärztinnen und Ärzte stößt auf großes Interesse

Der durchschnittliche hessische Medizinstudent ist weiblich, schließt das Studium nach der Regelstudienzeit von 12 Semestern ab und strebt eine berufliche Zukunft im Krankenhaus an: Dies ergab eine von der Landesärztekammer Hessen (LÄKH) in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen im September 2009 unter den rund 600 Absolventen des Medizinstudiums an hessischen Universitäten durchgeführte Befragung, deren Ergebnisse jetzt erstmals auf dem Symposium "Vom Medizinstudium zum Facharzt" am 11. Dezember 2009 im Fortbildungszentrum der Kammer in Bad Nauheim vorgestellt wurden.

Die Tagung mit Vorträgen, Diskussionen und Ausstellungsständen stieß auf großes Interesse: 120 Teilnehmer - 80 Medizinstudenten und 40 Ärzte - informierten sich auf der ganztägigen Veranstaltung, die von dem Präsidenten der Landesärztekammer, Dr. med. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, und der Staatssekretärin im Hessischen Ministerium für Arbeit, Familie und Gesundheit, Petra Müller-Klepper, eröffnet wurde, über Berufsperspektiven, den aktuellen Forschungsstand zur Zukunftsplanung angehender Ärzte sowie Arbeitsbedingungen und -möglichkeiten im Krankenhaus. "Dem amtierenden Präsidium der Landesärztekammer sind die Förderung qualifizierten ärztlichen Nachwuchses und die besonderen Probleme der ersten Jahre des ärztlichen Berufes, zu denen neben Fragen der Weiterbildung auch die konkreten Arbeitsbedingungen angestellter Ärztinnen und Ärzte in Klinik und Praxis gehören, ein besonderes Anliegen," erklärte von Knoblauch in seinem Grußwort.

Befragung von Medizinstudenten
Rund 50 Prozent der befragten Absolventen des Medizinstudiums beteiligten sich an der von Dr. med. Roland Kaiser (LÄKH) vorgestellten Untersuchung der Landesärztekammer. Die rasche Entwicklung der Medizin zum Frauenberuf bestätigte sich erneut: 63 Prozent der Antwortenden waren Frauen; das Durchschnittsalter betrug 28,3 Jahre. Als Hauptgründe für die Aufnahme des Medizinstudiums wurden wissenschaftliches/medizinisches Interesse (65 Prozent), interessante/vielseitige Tätigkeit (59 Prozent) und der Umgang mit Menschen (58 Prozent) genannt. Die Frage, ob sie das Studium nochmals wählen würden, beantworteten 51 Prozent der Befragen mit "sicher ja", und weitere 37 Prozent mit "eher ja". 53 Prozent gaben an, direkt nach dem Studium eine Stelle antreten zu wollen. (Über die gesamte Befragung informieren wir Sie in einer gesonderten Pressemitteilung).

Angesichts des drohenden Nachwuchsmangels im Arztberuf stimmen die Zielstrebigkeit dokumentierenden Resultate der hessischen Befragung zuversichtlicher als eine im Jahr 2008 abgeschlossene Befragung der Ruhr-Universität, die zunächst unter Medizinstudenten in Bochum und anschließend bundesweit erhoben worden war. Laut der Untersuchung, die Dr. med. Dorothea Osenberg (Ruhr-Universität) in Bad Nauheim erläuterte, erwarteten 93 Prozent der Teilnehmer deutliche Einflüsse des Gesundheitssystems auf die eigene Lebens- und Berufsplanung. Rund 70 Prozent konnten sich zumindest vorstellen, deswegen ins Ausland abzuwandern. Allerdings ergab auch die Bochumer Studie, dass 61 Prozent der Befragten sich wieder für ein Medizinstudium einschreiben würden.
Die in den letzten Jahren wiederholt beschriebene Flucht von Ärzten aus dem ärztlichen Beruf und ins Ausland dürfte ihre Ursache also weniger im Studium als in negativen Erfahrungen und Enttäuschungen in den ersten Berufsjahren - der Zeit der Facharztweiterbildung - haben. Mit dem 2009 gestarteten Projekt "Evaluation der Weiterbildung" will daher die Bundesärztekammer zusammen mit 16 Landesärztekammern - darunter Hessen - die Stärken und Schwächen des ärztlichen Weiterbildungssystems ausloten. Dr. med. Viktor Karnosky (LÄKH) berichtete auf der Tagung, dass erste Ergebnisse der Evaluation, die derzeit von der ETH Zürich erarbeitet werden, im März nächsten Jahres mitgeteilt werden sollen.
Von Medizinstudierenden und jungen Ärzten, die an dem Symposium in Bad Nauheim teilnahmen, wurden in Diskussionsbeiträgen eine praxisbezogenere Lehre und strukturiertere Weiterbildung gefordert. In der Anfangszeit sollte Assistenzärzten ein Mentor zur Seite stehen.

Ärzte als Mangelware - Folgen für den Arbeitsmarkt
Dass Ärzte Mangelware sind, machte eine von der mainmedico GmbH durchgeführte Analyse des Stellenmarktes im Deutschen Ärzteblatt deutlich: "Es war noch nie so einfach, nach abgeschlossener Weiterbildung eine Facharztstelle zu bekommen," unterstrich Dr. Wolfgang Martin von mainmedico in Bad Nauheim. Auch wenn der Nachfrageboom nach Fachärzten inzwischen etwas abflaue, sei die Bewerberdecke in allen Fachgebieten zu dünn. Ein Trend lasse sich in allen Versorgungsbereichen beobachten: Die starke Veränderung des ärztlichen Berufsbildes vom Einzelkämpfer hin zum Teamplayer. Das Arbeiten in vernetzten Strukturen und multiprofessionellen Teams setze sich immer mehr durch.

Wie in allen Bundesländern herrsche auch in Hessen ein Mangel an qualifizierten Assistenz- und Fachärzten in niedergelassener Praxis und im Krankenhaus, berichtete Rainer Greunke, Geschäftsführender Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft. In den hessischen Krankenhäusern seien in den Jahren 2004 bis 2008 die stationären Fallzahlen um 3,5 Prozent gestiegen. Obwohl im gleichen Zeitraum die Zahl des Ärztlichen Personals um ca. 8 Prozent gestiegen sei, beklagten 93 Prozent der befragten Krankenhäuser Probleme bei der Besetzung von Stellen im Ärztlichen Dienst. Fast 7,5 Prozent der Arztstellen seien nicht besetzt. Greunke führte dies u.a. auf die Umsetzung des Arbeitszeitgesetzes und den zunehmenden Anteil von Ärztinnen zurück. Zur
Bewältigung des Problems schlug er interne Maßnahmen in den Krankenhäusern (z.B. Flexibilisierung der Arbeitszeiten) und externe Unterstützung wie Erhöhung der Studienkapazitäten, Entbürokratisierung und finanzielle Anreize vor. Udo Rein, Geschäftsführer des Marburger Bundes, Landesverband Hessen, legte dar, dass es der Ärztegewerkschaft Marburger Bund gelungen sei, die Einkommensverhältnisse von Krankenhausärzten in den meisten kommunalen Krankenhäusern, einigen Kliniken in privater Trägerschaft und an den hessischen Universitätskliniken durch den Abschluss von Tarifverträgen zu verbessern.

Medizin - ein Frauenfach
Die Notwendigkeit, ärztliche Arbeitsbedingungen zu ändern, belegen auch die Längsschnittuntersuchungen zu Karriereverläufen bei Ärztinnen und Ärzten, die Prof. Dr. Andrea E. Abele-Brehm von der Universität Erlangen-Nürnberg auf dem Symposium vorstellte. Dass Medizin inzwischen ein Frauenfach sei, liege an den im Durchschnitt besseren Abiturnoten junger Frauen, aber auch daran, dass der Arztberuf finanziell und von den Arbeitsbedingungen her nicht mehr so attraktiv sei wie früher, sagte Abele-Brehm. Die Untersuchungsbefunde zeigten, dass Ärztinnen mehr Abstriche im Privatleben machten, dennoch häufiger erwerbslos oder Teilzeit beschäftigt seien als ihre männlichen Kollegen und vor allem das Berufsfeld Klinik als problematisch erlebten. In Zukunft könne, so Abele-Brehm, ein gravierender Ärztemangel drohen, wenn nicht die Arbeitsbedingungen - insbesondere für Ärztinnen - attraktiver würden. Dazu gehörten u.a. flexible Arbeitszeitprogramme und betriebsnahe Kinderbetreuung.

Forderung nach Entlastung und attraktiveren Arbeitsbedingungen
Durch die Arbeitsverdichtung und Zunahme von Verwaltungstätigkeiten bewege sich der Schwerpunkt ärztlicher Tätigkeit im Krankenhaus immer mehr von der Patientenversorgung weg, kritisierte Dr. med. Susanne Johna vom Marburger Bund Hessen. Der einzelne Arzt habe immer weniger Zeit für Patienten, Untersuchungen und Operationen. Auch werde der finanzielle Druck der Kliniken an ihn weitergegeben, so dass er in seinen Therapieentscheidungen nicht mehr frei sei. Die zunehmende Frustration über diese Missstände, führe dazu, dass viele junge Kollegen ins Ausland gingen. Nur durch massive Entlastung, z.B. von administrativen Tätigkeiten, könne der Arbeitsverdichtung und dem jetzt schon bestehenden Ärztemangel begegnet werden. Dass auch niedergelassene Ärzte unter einer hohen Arbeitsbelastung, verbunden mit subjektivem Stresserleben und gesundheitlichen Beschwerden leiden, verdeutlichen die Ergebnisse einer von Dipl.-Psych. Michael Unrath, Hochschule Vechta, vorgestellten Untersuchung zur Arbeitssituation und Gesundheit von Hausärzten in Rheinland-Pfalz. Die Verbesserungsvorschläge der Ärzte bezogen sich u.a. auf den Abbau des bürokratischen Aufwandes, die Reduzierung der Arbeitslast und die Verbesserung der finanziellen Situation. In seinem Vortrag "Ärztinnen und Ärzte braucht das Land" forderte Dipl. Volkswirt Stephan Achner, Klinikverbund Hessen GmbH, zur Verbesserung der Situation den Schulterschluss zwischen Klinikärzten und niedergelassenen Freiberuflern gegenüber Gesundheitspolitik und Krankenkassen, die Förderung der ärztlichen Weiterbildung in Verbundstrukturen und klinikübergreifende ambulant/stationäre medizinische Ausgabenwahrnehmung ("Cluster").

Modellversuch in Frankfurt
Die auch in den Diskussionsrunden des Symposiums immer wieder geäußerte Forderung nach attraktiveren und familienfreundlichen Arbeitsbedingungen hat an der Goethe Universität Frankfurt schon im Vorfeld des Berufslebens zu einem besonderen Angebot für Medizinstudenten geführt: dem Modellversuch Teilzeitstudium Medizin. Damit soll, so erklärte Dr. Winand Dittrich, Studienberater am Fachbereich Medizin, in Bad Nauheim, die Vereinbarkeit von Familie und Medizinstudium unterstützt werden.