"Das Gesundheitssystem krankt an Überregulierung"

Hessischer Gesundheitsminister Jürgen Banzer bietet Ärzten Dialog an

"Die Menschen verstehen nicht mehr, was im Gesundheitswesen vor sich geht. Jeder merkt, dass die bisher hohe Qualität der wohnortnahen medizinischen Versorgung nachlässt," stellte der  Präsident der Landesärztekammer, Dr. med. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach heute auf der Delegiertenversammlung der Kammer in Bad Nauheim fest. Auf dem Land sei die Versorgung lückenhaft und damit gefährdet. Durch den eklatanten Personalmangel in Krankenhäusern müssten Patienten lange warten, bis ihnen geholfen werde. Und in Apotheken erhielten sie mal dieses, mal jenes Medikament - je nach gerade geschlossenen Rabattverträgen. "Die Patienten werden gegängelt," kritisierte von Knoblauch. "Sie werden ihrer Autonomie beraubt, mit einem Arzt ihrer Wahl eine Behandlung zu vereinbaren, die bei ihnen den besten Erfolg verspricht."

Auch der neu gewählte Hessische Minister für Arbeit, Familie und Gesundheit, Jürgen Banzer übte in seiner Rede vor den Delegierten Kritik an der aktuellen Situation. Die gegenwärtige Grundannahme von Gesundheitspolitik sei falsch: "Das Gesundheitssystem krankt an Überregulierung. Wer glaubt denn, dass ein System, in dem 11% der Beschäftigten unserer Volkswirtschaft tätig sind und mehr als 10% unseres Bruttoinlandsprodukts stecken, sich immer feinmaschigeren Steuerungsversuchen beugt?" Unter dem Applaus der Ärzte forderte Banzer eine grundlegende Umsteuerung im Gesundheitswesen, um von Gängelei zu selbststeuernden Strukturen zu kommen.

Hinter den bundespolitischen Steuerungsversuchen stehe die Idee "durch Zeit Geld zu sparen," urteilte von Knoblauch. Der wachsende Kostendruck im Gesundheitswesen sei längst in den Praxen und Krankenhäusern angekommen. Zeitmangel, Verdichtung und Standardisierung von Arbeitsabläufen bestimmten mittlerweile die Arbeitssituation von Ärzten und Pflegekräften in Krankenhäusern. Die von der Bundesgesundheitsministerin gepriesene Honorarreform habe für mehr Gerechtigkeit sorgen sollen; tatsächlich müssten nun jedoch viele niedergelassene Ärzte um ihre Existenz fürchten. "Das nenne ich: Kostensparen durch Schlechtversorgung," sagte der Ärztekammerpräsident. "Und eins ist doch klar: Kaputtgespart wird auf dem Rücken der Patienten und ihrer behandelnden Ärzte."

Schon in den Frühkulturen der Menschheit  sei Heilungswissen fest im Lebensalltag der Menschenverwurzelt gewesen und mit gesellschaftlicher Anerkennung vergolten worden, so von Knoblauch weiter. "Diese Wertschätzung unserer Arbeit vermisse ich heute!" Er kündigte an, dass die Ärzteschaft im Wahljahr 2009 nicht nur auf die prekäre Lage hinweisen, sondern auch versuchen werde, Einfluss zu nehmen: "Was dieses Jahr nicht gelingt, wird auf Dauer verloren sein."

Gesundheitsminister Jürgen Banzer zeigte Verständnis für den Unmut der Ärzteschaft und sagte dort, wo dies möglich sei, seine Unterstützung zu: "Ärzte - ganz gleich, ob im Krankenhaus, als Angestellte oder niedergelassener Arzt- arbeiten heute mehr denn je in einem Spannungsfeld von persönlichem Berufsethos, Budgetvorgaben, zunehmender Bürokratie, Erwartungshaltung der Patienten, Wirtschaftlichkeit der Praxen, das inzwischen immer drückender wird. Es ist mir wichtig, Ihnen zu sagen, dass Sie in mir einen Fürsprecher haben, der Ihren Anliegen offen gegenüber steht und sich für die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen einsetzen wird. Denn Ihre Arbeit ist von immenser Bedeutung für unsere Gesellschaft." Banzer appellierte nochmals an eine geschlossene Ärzteschaft und unterstrich seine Dialogbereitschaft.