Paracelsus-Medaille für Prof. Dr. med. Dr. phil. Horst-Eberhard Richter

Hessischer Arzt und Psychoanalytiker erhält höchste Auszeichnung der deutschen Ärzteschaft

Ulm. Auf der Eröffnungsveranstaltung des 111. Deutschen Ärztetages in Ulm ist heute Prof. Dr. med. Dr. phil. Horst-Eberhard Richter aus Gießen als einer von zwei hessischen Ärzten mit der Paracelsus-Medaille geehrt worden. Bei der Überreichung der höchsten Auszeichnung der deutschen Ärzteschaft würdigte ihn der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, als Arzt und Wissenschaftler, der sich in seiner langjährigen ärztlichen und wissenschaftlichen Tätigkeit um die deutsche Ärzteschaft hochverdient gemacht habe. Richter zähle zu den Pionieren der modernen Psychoanalyse und einer ganzheitlichen Medizin. Vorbildlich sei sein unermüdlicher Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, erklärte Hoppe.

Im Namen der diesjährigen Medaillenträger - Prof. Dr. med. Fritz Beske, Prof. Dr. med. Hajo Eckel und Dr. med. Siegmund Kalinski - bedankte sich Richter für die Ehrung, die alle vier als Ansporn dazu auffassten, die Einsichten aus ihrem Beruf weiterzugeben. Richter zitierte seinen früheren Lehrer Viktor von Weizsäcker mit den Worten "Medizin ist eine Weise des Umgangs des Menschen mit dem Menschen". Im Mittelpunkt des Gesundheitswesens stehe das Arzt-Patienten-Verhältnis, das heute allerdings durch die wachsende Ökonomisierung des Systems gefährdet sei, sagte Richter. Die zwischenmenschliche Nähe als Voraussetzung für Vertrauen schrumpfe im Würgegriff einer überhand nehmenden Fremdbestimmung ärztlichen Handelns. Dies dürfe nicht sein, denn das Grundmuster für Humanität heiße Vertrauen. "Es gibt keine humane Gesellschaft ohne humane Medizin", erklärte Richter. Diese Erkenntnis beinhalte auch die Erinnerung an Verletzungen ärztlicher Grundsätze in dunkler Zeit, in der die "Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben" (Albert Schweitzer) radikal missachtet worden sei. Der Glaube an die Heilbarkeit der daraus entstandenen seelischen Krankheit "Friedlosigkeit" als Folge von Schuld habe weltweit die ärztliche Friedensbewegung entstehen lassen. In ihrem Zentrum stehe der ärztliche Ansatz der "Versöhnung". "Wir müssen uns nur unserer hohen Verantwortung nicht nur für das physische sondern auch für das seelische Wohl bewusst sein", unterstrich Richter. Er zeigte sich davon überzeugt, dass die Sensibilität dafür auch bei dem ärztlichen Nachwuchs vorhanden sei.


Lebenslauf:
Am 28. April 1923 wurde Richter in Berlin geboren. Er studierte Medizin, Philosophie und Psychologie an der Universität Berlin und wurde 1957 zum Dr. phil. 1957 zum Dr. med. über den "Akustischen Funktionswandel bei Sprachtaubheit" promoviert. Von 1950 bis 1954 erfolgte die Ausbildung zum Psychoanalytiker und 1958 die Anerkennung zum Facharzt für - wie es damals hieß - "Nerven- und Geisteskrankheiten". 1962 wurde Richter auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Psychosomatik in Gießen berufen und baute dort eine Psychosomatische Klinik auf, die er 30 Jahre lang leitete. Das Interdisziplinäre Zentrum mit den Abteilungen für Klinische Psychosomatik, medizinische Psychologie und medizinische Soziologie hatte Modellcharakter und wurde zu einer anerkannten Weiterbildungsstätte für psychiatrisch, psychosomatisch und psychosozial interessierte Ärztinnen und Ärzte, die eine psychoanalytische Ausbildung absolvieren wollten. Nach seiner Emeritierung wechselte er von 1992 bis Dezember 2002 als Direktor des Sigmund-Freud-Instituts nach Frankfurt. 2004 hatte er eine Gastprofessur an der Universität Wien inne. Seit 1973 gehört Richter, dessen Bücher bisher in 12 Sprachen übersetzt wurden, dem PEN-Zentrum der Bundesrepublik an.

Richter gilt als einer der Wegbereiter der psychoanalytischen Familientherapie in Deutschland, dessen Bemühungen um eine verbesserte psychiatrische Versorgung weit über die bundesrepublikanischen Grenzen hinaus bekannt wurden. Auch als Publizist erreichte er mit Arbeiten wie "Lernziel Solidarität", "Flüchten oder Standhalten" bis zu "Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft" breite Bevölkerungsschichten. Vor allem mit seinen Werken zur psychoanalytischen Familienforschung und Familientherapie leistete Richter wissenschaftliche Pionierarbeit.

Er engagierte sich in der praktischen Sozialarbeit, setzte sich für Minderheiten und die Beratung gesellschaftlich benachteiligter Gruppen ein. Für die Reform der deutschen Psychiatrie und Sozialpsychiatrie und seine Mitarbeit an der Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme wurde ihm 1980 der Theodor-Heuss-Preis verliehen. 2002 erhielt Richter die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt, 2004 die Ehrenplakette der Landesärztekammer Hessen, 2007 die Ehrenmedaille des Gießener Fachbereichs Medizin und im Dezember 2007 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Gießen.

Die Prägung durch die Erlebnisse des 2. Weltkrieges - einer Zeit, in der auch wesentliche Ideen zu seinem späteren Werk "Der Gotteskomplex" entstanden - führte Richter Jahrzehnte später an die Spitze der deutschen Friedensbewegung. Richter verfasste die "Frankfurter Erklärung", deren Unterzeichner sich dazu bekannten, sich jeglicher kriegsmedizinischen Schulung und Fortbildung zu verweigern. 1981 erschien seine Satire "Alle redeten vom Frieden". Im selben Jahr gehörte er zu den Gründern der deutschen Sektion der Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW) und wurde dafür 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.