Warum junge Ärzte Mangelware sind

Ergebnisse einer aktuellen Analyse der Landesärztekammer Hessen

Junge Ärztinnen und Ärzte scheinen eine aussterbende Spezies zu sein – und zwar auf allen Ebenen.

Von 880 Chefärzten sind in Hessen gerade einmal 86 Ärzte und ein Dutzend Ärztinnen Mitte 40 oder jünger. Das Durchschnittsalter der Vertragsärzte ist zwischen 1993 und 2002 um 2,7 Jahre auf rund 50 Jahre gestiegen und das der Krankenhausärzte um 2,3 Jahre auf über 40 Jahre. Im gleichen Zeitraum sank der Anteil der unter 35jährigen Ärzte von 26,6 % auf 17,0 %. Und der Sinkflug geht weiter: 2003 waren es nur noch 16,5 %. Schon seit Jahren setzt sich die hessische Landesärztekammer mit der Frage des ärztlichen Nachwuchses auseinander. Jetzt hat sie auf der Grundlage von Meldedaten und eigenen repräsentativen Befragungen die aktuelle Situation in Hessen beleuchtet und die Gründe für die fortschreitende „Überalterung" der Ärzte analysiert.

Später Studienabschluß und Eintritt in den Beruf Zwei interessante Ergebnisse vorweg: 1. Das Medizinstudium wird schon seit einigen Jahren mehrheitlich von Frauen gewählt. 2. Studienabschluß und Eintritt in den Arztberuf erfolgen immer später. Obwohl die mittleren Studienzeiten hessischer Absolventen der ärztlichen Prüfung 2003/2004 mit 13,6 Semestern nur wenig über der Regelstudiendauer von zwölf Semestern lag, waren bei Abschluß des Studiums mehr als die Hälfte (51,2 %) der Absolventen über 27 Jahre alt und mehr als ein Fünftel (21,4 %) bereits 30 Jahre oder älter. Ursächlich hierfür sind in erster Linie vor dem Beginn des Medizinstudiums abgeschlossene oder begonnene andere Ausbildungen oder Studien.

Von 1995 bis 2003 hat das Alter, in dem junge Ärzte in Hessen ihre Approbation erhielten, deutlich zugenommen. Waren vor 10 Jahren 60 % der Ärztinnen und

40,5 % der Ärzte bei Approbationserhalt jünger als 30, so waren es 2003 nur noch 50,1 % der Frauen und 37,2 % der Männer. Auffällig ist die starke Veränderung bei den Ärztinnen; bei ihnen könnten Verzögerungen durch familiäre Verpflichtungen eine wesentliche Rolle spielen. Derzeit werden die genauen Gründe noch untersucht.

Weniger Approbationen Die vorliegenden Daten belegen aber auch, daß die Zahl der Approbationen in Hessen im betrachteten Zeitraum insgesamt merklich abgenommen hat – nämlich von 874 im Jahr 1995 auf 649 im Jahr 2003. Gestiegen ist dagegen der Anteil der Ärztinnen von 42,9 % auf mittlerweile 54,1 % aller Jahrgänge. Eine Entwicklung, die sich angesichts der wachsenden Zahl von Medizinstudentinnen voraussichtlich noch verstärken wird.

Facharzt mit Ende 30 Nur 17,1 % der Ärzte und 28,6 % der Ärztinnen erwerben ihren Facharztabschluß unter 35 Jahren. Der weitaus überwiegenden Mehrheit gelingt dies erst im Alter zwischen 35 und 39; rund ein Viertel ist bereits über 40 Jahre alt. Die im Jahr 2004 gültige Weiterbildungsordnung forderte in der Regel Mindestweiterbildungszeiten von 5 bis 6 Jahren. Unsere Untersuchungsergebnisse belegen aber, daß ca. 42 % aller Ärztinnen und Ärzte selbst 7 Jahre nach der Approbation ihre erste Weiterbildung noch nicht abgeschlossen haben. Von den Frauen haben sogar fast 50 % dieses Ziel noch nicht erreicht.

Vor dem Hintergrund eines drohenden Nachwuchsmangels bei Fachärzten müssen diese Zahlen nachdenklich stimmen.

Teilzeit und Elternzeit als Karrierebremse Eine frühere Untersuchung der Landesärztekammer zeigt, daß im Jahr 2001 immerhin 20 % der Ärztinnen aber nur 2 % aller Ärzte im Krankenhaus in Teilzeit arbeiteten. Da sich die Facharztanerkennung durch Teilzeittätigkeit oder Elternzeit/en verlängert, darf nicht verwundern, daß damals 64 % der Teilzeitärztinnen ihre Weiterbildung zur Fachärztin noch nicht abgeschlossen hatten. Elf Jahre nach ihrer Approbation verfügen 86 % der Ärzte, aber lediglich zwei Drittel der Ärztinnen über eine Gebietsbezeichnung. Ein sicher nicht unerheblicher Anteil dieser „Noch nicht – Fachärztinnen" dürfte das Ziel, Fachärztin zu werden, aus familiären Gründen sogar schon aufgegeben haben.


Forderungen der Landesärztekammer

  • Verbesserung der dauerhaften Vereinbarkeit von Beruf und familiären Verpflichtungen, insbesondere für Ärztinnen ( z.B. durch geeignete Teilzeitmodelle, Verbesserung der Kinderbetreuung durch entsprechende Einrichtungen an Krankenhäusern etc.)
  • Außerdem sind gezielte Weiterbildungscurricula an den Weiterbildungsstätten in Klinik und Praxis notwendig, die zügig zum Erwerb der Facharztanerkennung führen.

 

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